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Heute abend in Berlin Pfefferberg Premiere



Wie sage ich es meiner Mutter

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Mein Tier in mir


Mein Junge ist 23 Jahre alt und er weiß noch immer nicht, was er werden will, er kann sich nicht entscheiden. Die Vielfalt lähmt die junge Generation. Weiß jemand wie viele Studiengänge es in Deutschland gibt? 670! Wie soll man da einen Studiengang fürs Leben auswählen? Man kann inzwischen ein Schnupperstudium nicht wie früher ein ganzes Jahr absolvieren, sondern einen Monat lang auf Probe studieren. Doch selbst wenn man diese verkürzte Variante in Anspruch nimmt, braucht man 55 Jahre, um alle Studiengänge zu beschnuppern. Irgendwann wird man frustriert, gibt beim 699. Studiengang auf und verpasst möglicherweise seinen Traumberuf.

Das gleiche gilt für zwischenmenschliche Beziehungen. Man lernt die Menschen inzwischen nicht analog in einer Disco oder in einer Bar kennen, sondern digital. Im Internet scheint es aber viel mehr Menschen zu geben als in der Realität. Und täglich kommen neue dazu. Das Angebot bei Tinder und anderen Dating-Apps soll schier endlos gewesen sein, erzählte mir mein Sohn, ich selbst war nie dort.

Wie soll man sich jetzt für eine konkrete Person, für einen Peter oder eine Marie entscheiden, wenn schon morgen ein neuer Peter und eine neue Marie auf dem Bildschirm erscheint? Wie findet man heraus, ob der neue Peter der bessere sein wird? Einfach sein lassen und mit dem erstbesten Peter die Suche einstellen, um sich dann womöglich ein Leben lang zu quälen, dass man sich auf den falschen Peter eingelassen hat?

Natürlich gibt es auch bei Dating-Plattformen eine Art Schnupperkurs, doch sie dauern extrem lange und führen in der Regel zu keiner Beziehung, sondern zur Steigerung der Misanthropie. Die Menschen versteinern vor der Vielfalt. Immer wieder stolpere ich im Supermarkt über Passanten, die vor einem zwanzig Meter langen Regal mit Nudeln ins Koma fallen. Sie wollten keine Reise ins Reich der Teigwaren kaufen, sie wollten bloß eine Packung Nudeln.

Dabei gehört die Vielfalt zum Fundament des freien Marktes, sie ist  gelebte Konkurrenz. Wenn jemand der Meinung ist, er kann bessere Nudeln produzieren, muss er sein Können beweisen dürfen und nicht meckern, dass es schon so viele Nudeln gibt. In meiner Heimat, der Sowjetunion gab es nur eine Sorte Nudeln, Kaliber 7,62. Sie wurden angeblich auf den gleichen Maschinen produziert, die im Falle eines Krieges Munition für die Maschinengewehre Ak47 herstellen sollen. Die Idee der Planwirtschaft, dass man nur so viele Waren produziert, die man wirklich braucht, strotzte vor Vernunft und Gerechtigkeit, hatte aber den Nachteil, dass alle Menschen gleich hässlich aussahen. Alle wollten nicht die produzierten, sondern irgendwelche anderen Waren, die es nicht gab. Sozialismus als Schutz vor der Vielfalt war also auch keine Lösung. Die Menschen sind launische Wesen, egal wie man es macht, man macht es falsch.


Der Tote war ein guter Mann,

die Freiheit war sein Talisman

Er wollte gar zu hoch hinaus

und rutschte auf der Wolke aus


Kaminer Inside: Documenta

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer ist nach Kassel gereist, um auf dieser politisierten "documenta fifteen" zu fragen: "Was und wo ist eigentlich die Kunst?"

https://www.3sat.de/kultur/kaminer-inside/kaminer-inside-documenta-100.html

6 Monate Krieg. Bestandaufnahme

In der letzten Zeit hat sich zumindest im deutschen Fernsehen eine neue Orakel - Elite etabliert, die dem breiten Publikum die Zukunft voraussagt, wie und ob überhaupt es mit uns weiter geht: Virologen, Politologen, Meteorologen. Ihre düsteren Prognosen stoßen permanent auf ungläubiges Kopfschütteln. Klimakatastrophe? Lockdown? Krieg in Europa?

In der letzten Zeit ist vieles, das niemand für möglich gehalten hat im Handumdrehen Realität geworden. Vor allem der Krieg in der Ukraine ist ein Novum.  Alldiejenigen, die uns auf die anderen Kriege verweisen, auf Irak und Iran, auf Jemen und Afghanistan, auf Zersplitterung Jugoslawiens oder Annexion der nordzypriotischen Gebiete durch die Türkei, lassen außer Acht, dass wir heute mit einer anderen Art vom Konflikt zu tun haben, einem Europäischen Krieg mitten auf unserem Kontinent, mitten in Europa, an dem alle Länder Europas auf die eine oder andere Art beteiligt sind. Nach offizieller Linie des russischen Regimes führt Kreml den  Krieg gegen den globalen Westen, gegen „vierzig Länder, die sich regelmäßig auf einer amerikanischen Base auf deutschem Boden in Rammstein treffen, um den Untergang Russlands zu beschleunigen“ – so der O Ton der russischen Propaganda.  Wir sehen eine beispiellose, konsolidierte Unterstützung der Europäer für die Ukraine, finanzielle und militärische Unterstützung durch Bundeswehr, selbst wenn deutsche Soldaten auf ukrainischem Boden nicht kämpfen, befinden wir uns in diesem Krieg.

Ein zweiter Punkt macht diesen Krieg zu etwas besonderem. Russlands Vorgehen war keine provozierte, sondern eine von langer Hand geplante Aggression. Der amerikanische Präsident Biden wusste schon in April 2021 über Kriegsvorbereitungen Bescheid, ihm lagen die Berichte der Geheimdienste vor, die Dokumente des russischen Generalstabs, die ganze russische Kriegsplanung und warnte die Verbündeten.

Und drittens wird diese Aggression in besonders zynischer Form geführt. Ja, der Krieg findet auf ukrainischem Territorium statt, aber in der ganzen Rhetorik der russischen Führung geht es um die Veränderung der Weltordnung, um Erschaffung der neuen Parität zwischen den Weltmächten. Ukraine ist keine Weltmacht und ist somit nur ein Vorwand auf dem Weg zur Veränderung der globalen politischen Architektur.

Das ist der prinzipielle Unterschied zu den anderen militärischen Konflikten, bei deren es nur um die Annexion des fremden Territoriums ging. Es geht in diesem Konflikt um den Anspruch Russlands, eines Mitgliedes des UNO Sicherheitsrates, eines mit Atomwaffen gerüsteten Landes eine Weltmacht zu sein.

Dadurch ist die Beendigung dieses Konfliktes unheimlich schwer. Diplomatie steht vor einer einmaligen Herausforderung. Kreml kann militärisch nicht vorankommen, er setzt auf die Spaltung zwischen europäischen Mitgliedstaaten, zwischen Europa und Amerika.

Sollte die russische Armee sich zurückziehen müssen, wird das Regime im Kreml sagen, wir haben es ihnen gezeigt, 40 Länder haben sich gegen uns verschworen, Ukraine haben wir zerstört, wir werden sie alle nach und nach fertig machen, diesen Krieg fortsetzen mit anderen Mitteln. Und die Bevölkerung wird ihm das glauben müssen, weil niemand da ist, der die Chuzpe hätte zu sagen, wir haben Mist gebaut, aber wir wissen, wie wir in absehbare Zeit daraus kommen können, zurück auf den europäischen Entwicklungsweg.  


Die Lesereise geht weiter.Morgen bin ich in zakk, in Düsseldorf, am Montag und Dienstag lese ich auf Sylt.


In seinem Interview für die „Washington Post“ rief der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski alle westlichen Länder dazu auf, den Russen keine Visa mehr zu geben. Er sagte folgendes: „Russen sollen Europa nicht mehr besuchen dürfen, ganz egal was das für Menschen sind. Schicken sie alle umgehend zurück in die Heimat. Dann werden sie verstehen und sich gegen das Regime wehren. Heute sagen sie, wir haben nichts mit dem Krieg zu tun, wir unterstützen nicht die Regierung Putins. Hat etwa das Volk keine kollektive Schuld, keine Verantwortung dafür, was sein Land macht? Doch, denn dieses Volk hat diese Macht gewählt und schimpft nicht mit ihr, schreit sie nicht an, protestiert nicht.“

Den Vorschlag des ukrainischen Präsidenten haben die estnische Regierung und der finnische Premier sofort unterstützt. Die EU hatte nicht reagiert, doch die russischen sozialen Netzwerke kochten vor Wut. Die einen beschwerten sich, dass russische Touristen bereits jetzt zu einigen Objekten von großer kultureller Bedeutung, keinen Zugang mehr haben. So werden Menschen mit russischem Pass nicht ins Château de Vincennes bei Paris reingelassen. Dort saß der in Russland überaus beliebte Marquis de Sade seine Haftstrafe ab. Offiziell gilt das Schloss nach wie vor als Militärobjekt, dort werden die Archive des französischen Verteidigungsministeriums gehortet. Die russische Opposition hat es nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Ausland nicht leicht. Hunderttausende haben seit Beginn des Krieges ihre Heimat verlassen, sie versuchen in etlichen europäischen Ländern Antikriegs-Komitees zu gründen oder Kongresse des „Anderen Russlands“ zu organisieren. Sie werden von der europäischen Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen. Vor zwei Monaten stieß der Vorschlag des ehemaligen Schachweltmeisters Garry Kasparovs auf einem Kongress in Vilnius intern auf heftige Kritik. Er wollte das europäische Parlament dazu aufrufen, einen Europapass für die „Guten Russen“ auszustellen. Das heißt für alle jene, die gegen den Krieg sind und Putins Regime nicht unterstützen.

Sie sollten ähnlich wie Kriegsgeflüchtete anerkannt und mit entsprechendem Dokument ausgestattet werden, damit sie endlich ein Konto bei einer europäischen Bank eröffnen, eine Wohnung mieten und Arbeit suchen können.

Daraufhin hatte sich der Kongress unsäglich zerstritten. Wie gut sollen die „Guten Russen“ denn sein, um in Europa anerkannt zu werden? Sollte man sie nicht in „richtig guten“, „halb so guten“  und „Okay- Russen“ unterteilen, je nachdem, wie ihre politische Ansichten und Präferenzen sind? Und was ist eigentlich mit den Schlechten? Bekommen sie auch einen extra Pass? In diesen Streitigkeiten spiegelt sich die große Ohnmacht und die Verzweiflung der russischen Gesellschaft wider. Die Gütigkeit des Einzelnen kann standesamtlich nicht bescheinigt werden.