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Nach der Abmachung mit dem Nachbar dürfen seine Hühner auf unserem Grundstuck freilaufen. Dafür bekommen wir eine Packung Eier pro Woche umsonst. Im Winter habe ich die Hühner kaum gesehen, sie saßen alle drin im Nachbars Hühnerstall. Jetzt laufen sie wieder draußen, an der frischen Luft, ich habe sie kaum erkannt. Die ganze Hierarchie ist durcheinandergekommen. Der alte weiße Hahn hat den Winter nicht überlebt und wurde geschlachtet. Zwei neue Jungen haben sich als progressive Bestien erwiesen. Sie hatten anscheinend beschlossen, den ganzen Hühnerstall gendergerecht umzugestalten. Nach der alten Ordnung liefen die Hühner geordnet dem Hahn hinterher, der konnte mit innen machen was er wollte. Die neuen Gockel haben nichts mit der Vermehrung im Sinn, die Hühner ignorieren sie auch weitgehend, sie legen ihre Eier wann und wo sie wollen, die anderen tun so, als würden sie an ihrer Existenz als Hühnchen zweifeln und wollen gar nicht mit der Eierproduktion in Verbindung gebracht werden. Mein Nachbar nennt sie sexistisch „divers“.

Diese diversen haben im Hühnerstall eine extra Stange für sich erobert, sie wollen neben den anderen nicht sitzen. Doch ab und zu legen auch sie und wundern sich, wie das passieren könnte. Die beiden Gockel haben sich zusammengetan, sie laufen die ganze Zeit einander hinterher. Der Nachbar ist ein Mann der alten Ordnung, er kann mit dieser Diversität nichts anfangen.

„Es wird sich schon schaukeln“ klärte ich ihn auf. Nicht umsonst studierte meine Tochter die Gender Studies und hat mir das Buch über den umherirrenden Gender Fluid gegeben. Aus Solidarität mit der neuen gerechteren Welt habe ich dem Nachbar gesagt, ich möchte demnächst nur von den diversen Hühnern die Eier bekommen, auch wenn es länger dauert, denn ihre Eier sind die Eier der Freiheit.


Talk am Alexanderplatz - "Hallo Markus..!" - Wladimir Kaminer & Die Antikörpers - Folge 1

Lockerer und privater Talk aus dem Herzen der Hauptstadt, direkt vom Alexanderplatz. In dieser Folge: Wladimir Kaminer und seine Band "Kaminer & Die Antikörp...

https://www.youtube.com/watch?v=tP7V5jDDhRw&ab_channel=mein%2F4TV

Wie unterscheiden sich die Ostertage in Russland und in Deutschland, laufen die Russen auch dem Hasen hinterher? fragen mich meine Nachbarn in Berlin und wundern sich, wenn ich ihnen erzähle, dass es in meiner Heimat keine Osterhasen gibt. Die Russen haben auch die bunten Ostereier, sie werden aber nicht von Hasen gebracht, sondern in eigener Produktion hergestellt.

Das hiesige deutsche Ostern habe ich erst in Berlin kennengelernt, als meine Kinder in den Kindergarten „Freche Früchtchen“ gingen. Die Erzieherinnen in unserem Kindergarten stammten mehrheitlich aus Sachsen, deswegen konnten uns die Kinder schon bald im perfekten sächsischen Dialekt die ganze Wahrheit über den Osterhasen erzählen, der jedes Jahr pünktlich zum Osterfest zwei Dutzend Überraschungseier versteckte, und zwar immer an der gleichen Stelle, auf dem Kinderspielplatz neben dem Eingang in die Schrebergartenkolonie „Bornholmer Hütte“.

Die Kinder hatten keine Mühe, die Ostereier zu finden, mehrere Jahre gingen sie tagein tagaus auf denselben Spielplatz, sie kannten alle infrage kommenden Verstecke im Umkreis von hundert Metern, einschließlich jener geheimen Baumhöhle, wo die Kiffer aus dem Gymnasium auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihr Grass versteckten. Der Osterhase konnte sich sonstwie anstrengen, innerhalb von fünf Minuten waren alle Eier gefunden und aufgegessen. Später in der Schule gerieten meine Kinder in den Religionsunterricht

Dort war der Hase nicht willkommen, Jesus trat an seine Stelle,

Die Katholiken lasen die Bibel, die bunten Überraschungseier haben die Lebenskundler gesammelt und die Protestanten haben die ganze Zeit Pokemon gespielt.


Der verlorene Sommer – Deutschland raucht auf dem Balkon - ganzOhr

https://koblenzer-literaturtage.de/veranstaltung/der-verlorene-sommer-deutschland-raucht-auf-dem-balkon/

Cicero - Magazin für politische Kultur

Am Sonntag, dem 28.03. um 20:00 nach Sommerzeit

trete ich auf dem Festival ganzOhr bei den Koblenzer Literaturtagen

auf, mit den Auszügen aus meinem neuen Buch, das in April erscheint.

Alle sind willkommen:  

 

Wladimir Kaminer

Der verlorene Sommer - Deutschland raucht auf dem Balkon

Lesung mit musikalischer Begleitung

hier der link:

 

https://koblenzer-literaturtage.de/veranstaltung/der-verlorene-sommer-deutschland-raucht-auf-dem-balkon/


Meine        Mutter hat im letzten Jahr viel gelernt, sie kann souverän mit        dem Internet        umgehen, online Filme schauen, aber shoppen im Netz funktioniert        bei ihr nicht.

Ich        kaufe doch keine Katze im Sack, sagt sie.

Vorige        Woche zündete die Regierung eine Vertrauenskerze an.  Der Einzelhandel dürfte nach        einem ausgeklügeltem        „Click und Meet“ Konzept wieder öffnen. Jeder Kunde sollte sich        online einen Termin        holen und hatte eine halbe Stunde Zeit, um seine Shoppinggelüste        zu        befriedigen. Doch wie ein russisches Sprichwort sagt: „Wer zu        viel hofft, der        irrt sich oft.“ Die makabre  Aktion        erwies sich als en absolutes Desaster. Meine Mutter ging in ein        Kleidungsgeschäft am Alex, sie wollte sich eine neue braune        Jacke kaufen, weil        ihre alte braune Jacke bereits die Löcher an den Ärmeln hatte.        Natürlich wollte        sie exakt die gleiche Jacke haben, wie die vorherige, leider        ändert sich die        Mode schneller als der Geschmack.

Mama        bekam am Eingang ein Signalgerät, das exakt nach 30 Minuten zu        blinken und zu        piepen begann. Sie ging durch die riesige Halle ihre alte Jacke        suchen, es        waren aber nur neue moderne Jacken da, sie dürfte nichts        anprobieren und wurde durch        die Laden buchstäblich gehetzt. Am Ende hatte sie völlig        genervt, blinkend und        piepend den Laden verlassen mit zwei neuen braunen Jacken, die        ihr beide zu        klein waren. Dieses „Click und Meet Konzept“ ist schlimmer als        Internet, es verführt        zu falschen Einkäufen, stellte sie fest. Nun brauchte sie einen        neuen Online Termin        um die Sachen zurückzugeben. Doch daraus wurde nichts. die        Inzidenz stieg, die Regierung        zögerte nicht und lies Mama auf den neuen Jacken erstmal sitzen.


Deutschland. Wohin treibt dieses Boot? Ohne Mast, ohne Ruder, ohne erkennbaren Sinn? Ganz und gar allein von der Strömung getragen kommt es zu dir. Steh auf Deinem Platz und warte.Auf dem Foto: chinesische Fledermaus nach der Vakzinierung mit Sputnik V


Langsam, aber sicher bekommen wir die Grundrechte zurück. Die Würde ist wieder da, die dafür zuständigen Frisöre haben seit drei Wochen auf. Als nächstes soll die Bewegungsfreiheit zurückerobert werden, im Grundgesetz kommt sie gleich nach der Würde als wichtigste Zutat eines freien Lebens, „das Recht jedes Menschen, jeden zulässigen Ort seiner Wahl zu betreten, ohne durch die Staatsgewalt daran behindert zu werden.“ Malle ist kein Risikogebiet mehr, doch von jeglichen Reisen wird nach wie vor abgeraten, wir haben schon vergessen, wie das ist, auf Reisen zu sein.

Die einzige Reise, an der wir alle im Winter passiv teilnahmen, war der Flug zum Mars. Der NASA-Marsrover landete Ende Februar auf dem Roten Planeten und schickte uns beinahe täglich superscharfe Bilder von der hügeligen Landschaft.  Der Planet sah nicht einladend aus und sollte wahrscheinlich den Erdmenschen ihre Reiselust gänzlich austreiben. Ein dunkel bedeckter Himmel, Steine und Sand, ein bisschen sah es auf dem Mars aus wie in Mecklenburg im Winter.

Ich wurde von meinen Lesern immer wieder auf Russlandreise geschickt. Wenn ich mich kritisch über Deutschlands Politik äußerte, schrieben mir aufgebrachte Zeitgenossen, ich soll die Koffer packen und nach Russland fahren, wo ich herkomme. Übte ich über Putin Kritik, bekam ich ähnliche Briefe: „Aus sicherem Ausland gegen das Regime zu hetzen kann jeder, fahre doch hin und mache das vor Ort.“  Meine Familie lacht mich inzwischen aus. Mein Sohn, wenn er keine Lust hat, mit mir über seine mäßigen Erfolge bei der Arbeitssuche zu reden, sagt „Fahr doch nach Russland, Alter“. Ich will aber nicht nach Russland, ich will auf Malle, fühle mich aber die ganze Zeit auf einer imaginären Reise von Russland nach Russland mit einem kurzen Abstecher auf dem Mars.    


the war of vaccines. Teil I

Longread lohnt sich

Bei heutigem Stand der Waffenentwicklung ist ein großer Krieg ausgeschlossen, unser kleiner Erdball ist kein passendes Spielfeld für so viele Kanonen. Deswegen werden öfter zur Lösung der politischen Konflikte „humanitäre Waffen“ benutzt. Das Ziel ist den Gegner zu schwächen, ihn bloß zu stellen, um dann vielleicht später als einflussreicher Freund und Wohltäter dazustehen und seine Hilfe anzubieten, natürlich nicht umsonst.

Die Embargos, Hackerangriffe, Sanktionen, das Lenken der Flüchtlingsströme haben sich in der letzten Zeit als moderne „Humanitäre Waffen“ erwiesen. Nun ist der große Krieg der Impfstoffe ausgebrochen.

In gewisser Weise ist es sogar befreiend, dass nicht mehr mit Waffen, sondern mit Spritzen gekämpft wird. Niemand muss mehr auf dem Schlachtfeld sterben, im Gegenteil, die Gesundheit der Völker, ihre Immunität werden durch diese modernen Kriege gestärkt.

Meine Schwiegermutter wohnt im Nordkaukasus auf einem Gelände der ehemaligen Kolchose „Aufstieg des Kommunismus“. Am Frauentag haben wir telefoniert, ich wollte wissen, wie die pandemische Situation vor Ort ist. Es sind Gott sei Dank alle gesund, die nicht vorher gestorben waren, meinte sie. Und selbst diejenigen, die letztes Jahr gestorben sind, hatten kein Corona, zumindest haben sie es nicht bemerkt. Die Schwiegermutter  besucht regelmäßig das Krankenhaus in der Kreisstadt. Ja, die Impfung Sputnik V ist vorhanden, sagte ihr die Ärztin, sie wurde bloß in großen Fläschchen geliefert und ihre Haltbarkeit sei begrenzt. „Bilden sie eine Gruppe, mindestens 20 Personen mit impfbereiten Einheimischen, dann mache ich ein Fläschchen auf“ klärte sie meine Schwiegermutter auf.

20 Impfwillige im „Aufstieg des Kommunismus“ zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dort leben ungefähr 200 Menschen und alle Bewohner des Aufstiegs sind äußerst misstrauisch dem Staat gegenüber. Sie sind Impfverweigerer von ganzem Herzen. Im Fernsehen wird ständig über die Schlechtigkeit der westlichen Impfstoffe berichtet, angeblich können die Menschen nach der Impfung mit westlichen Stoffen ihre Gesichtsmuskulatur nicht mehr bewegen, sie können nicht mehr weinen und lachen. Andere verlieren gleich nach der Vakzinierung kurz das Bewusstsein und wenn sie wieder zu sich kommen, sind sie nicht mehr sie selbst. Der heimische Impfstoff wird in den Himmel gelobt, doch Hand aufs Herz, wenn schon die westlichen Stoffe so kläglich versagen, warum soll der unsere besser sein? denken die Aufstiegsbewohner. Und der russische Präsident, der viel und laut über den großen Sieg der russischen Medizin erzählt, hat sich selbst nicht impfen lassen, „er sähe keine Notwendigkeit“. Na dann sehen wir sie auch nicht, such Dir die Blöden anderswo, sagten die Aufstiegsbewohner unisono.

Im Internet werden Sputnik Trips, Vakzinierungsreisen nach Moskau angeboten, auf ihren Werbeanzeigen sieht man unseren Erdball, der wie ein Baby-Po aussieht und eine fette Spritze in der Pobacke stecken hat, ziemlich genau da wo sich der europäische Raum befindet.

„Wir impfen die Welt“ lautet deren Slogan. Das Angebot: Eine Pilgerreise nach Moskau mit Übernachtung in einem  teurem Hotel, einem Rundgang auf dem Roten Platz und einer Vakzinierung, alles inklusive, richtet sich an reiche  Amerikaner und Europäer, nicht an russische Rentnerinnen vom Land.

Meine Schwiegermutter möchte sich auch nichts vom Staat spritzen lassen, sie will den Impfpass bekommen, damit sie später wieder nach Berlin reisen kann,  ihre Enkelkinder besuchen. In der Kreisstadt hingen Zetteln in den Unterführungen an den Wänden, mit dem Angebot, einen echten Impfausweis zu besorgen, ohne dabei sich irgendetwas einspritzen zu müssen. Diese Angebote machten die Schwiegermutter ebenfalls misstrauisch, es war unklar, ob die echten Ausweise aus der Unterführung für die Europäer echt genug sein würden.

Der Anmarsch des Sputnik in Europa ist voll im Gange, die Ungarn hat damit schon halbes Land geimpft, Ukraine hatte „Impfstoffe des Aggressors“ verboten und die Slowakei hat sich eine handfeste Regierungskrise eingespritzt. Der Premierminister habe es bei der RF sehr günstig erworben. Auf die Frage eines ukrainischen Journalisten, was die Slowakei dem russischen Partner als Gegenleistung für ihr Vakzin anbot, sagte der slowakische Premier-Minister, er habe Putin dafür die Südkarpaten versprochen. Die ukrainische Öffentlichkeit war empört. Später stellte sich heraus, der slowakische Premier- Minister habe sich einen Witz erlaubt, obwohl es für Diplomaten verboten ist, auf dem internationalen Parkett Witze zu machen. Der Sinn für Humor ist bekannterweise in jeder Region verschieden.

Die Europäische Zulassung ist nur eine Frage der Zeit, es können bis Mitte Juni 50 Millionen Dosen nach Europa geliefert werden. Schon jetzt werden die Stimmen der europäischen Politiker laut, die sagen in Zeiten der Not ist jede Hilfe Gold wert. Wir müssen über unsere Konflikte hinweg schauen und die ausgestreckte Hand der Solidarität fester drücken. Es geht dabei nicht nur um die Gesundheit der Europäer, sondern auch um die zukünftige Reisefreiheit für die Russen. Ohne Zulassung von Sputnik V werden die Russen nicht nach Europa reisen können. Deswegen machen jetzt gerade die Länder sich für Sputnik V stark, die auf russische Touristen zählen.

Sollte der Impfstoff zugelassen sein, werden auch die russischen Impfausweise in Europa anerkannt. Während wir noch mit einem Fuß im Lockdown sitzen, wird draußen die Welt von morgen aufgeteilt, es geht darum, wer in der Zukunft wohin reisen darf und wer nicht.

Die amerikanische Regierung zeigt sich über die Verbreitung des russischen Impfstoffes über den Globus besorgt, das europäische Parlament hält sich neutral. Eins steht fest: Wer heute die Welt impft, wird sie morgen melken.


Der geniale Wissenschaftler Stepchen Hawking hatte kurz vor seinem Tod mathematisch bewiesen, vor dem großen Urknall, gab es im Weltraum rein gar nichts, es gab weder Welt noch Raum. Das ist ein beruhigender Gedanke, auch der Schöpfer macht ab und zu mal Pause.  in jedem Schöpfungsprojekt sollte man ab und zu pausieren, einmal nichts tun, um die Distanz zum Werk zu gewinnen. Der Kampf der Frauen für ihre Rechte, gegen Sexismus und Diskriminierung, gegen genderbedingte Hierarchie war bis jetzt äußerst siegreich verlaufen.  Die Gleichberechtigung ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Die Frauen müssen niemandem noch etwas beweisen. Das schwere Erbe der Archaik, der „alte weiße Mann“ hat sich vorübergehend versteckt. Männer und Frauen können sich unabhängig voneinander und frei entfalten.  Genau die richtige Zeit, um sich zu entspannen und einmal nichts tun. Die Psychologen raten uns öfter und länger nichts tun, um die eigene Kreativität zu steigern.