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Neustart Kultur. Langsam normalisiert sich das Leben, ich trete dieses Wochenende in Hangar 312 in Neuruppin und am Sonntag in BKA auf, die Rolling Stones bereiten sich auf 2G-2022 Tour vor


Gabriele Appel

Welchen weltberühmten Überraschungsgast kündigt Europas Kulturmanager des Jahres 2014 uns hier an? Warum beschäftigt sich ein CDU-Urgestein in Corona-Zeiten besonders mit Wiedervereinigung und Mauerfall? Welche Schicksalsfrage stellt der ehemalige DDR-Abrüstungsminister hier auf seiner virtuellen Reise? Wie baut ein Tenor mit Tutti d'Amore musikalische Brücken? Wie sieht der parlamentarische Alltag eines Landtagsvizepräsidenten in Pandemie-Zeiten aus? Was verbindet Münchens Oktoberfest-Chef mit Hightech in Israel? Und was hat all das mit der Jerusalem Foundation zu tun? Fragen über Fragen. In unserer wöchentlichen virtuellen „Reise nach Jerusalem“ beantworten wir sie. Menschen aus Politik, Kultur Gesellschaft stehen mir Rede und Antwort. Hier im Home Office Talk. Schalten Sie ein. Abonnieren Sie uns. Ich freue mich auf Sie! Ihre Gabriele Appel Email: gabrielea@jfjlm.org The Jerusalem Foundation

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Während meine deutsche Heimat wie verzaubert Runde für Runde die Zukunft sondiert, ist meine russische Heimat einen Nobelpreisträger reicher geworden. Die Russen bekommen selten Nobelpreise für Physik oder Chemie, dafür aber schon den dritten Friedensnobelpreis. Der erste Russe, der mit dem Preis des Dynamit-Erfinders ausgezeichnet wurde, war Akademiker Sacharow, der Erfinder der sowjetischen Wasserstoffbombe. Danach kam der große Wiedervereiniger M. Gorbatschow. Eigentlich soll der Preis an Personen verliehen werden, die „auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere“ hingewirkt haben. Wegen dieser Formulierung war der Preis hauptsächlich für die Machthaber in labilem psychischem Zustand reserviert, die durchaus das Zeug dazu hatten, unsere Welt kaputt zu schießen, sich es aber anders überlegt hatten.

Nur selten werden Journalisten damit geehrt, wie diesmal: der Russe Herr Muratov und die Philippinerin Frau Ressa. Beide entlarven korrupte Regierungen ihrer Länder und werden von den autokratischen Staatschefs gehasst. Muratovs Zeitung hat in diesem Krieg 6 Kollegen verloren, viele mussten untertauchen. Das letzte Mal bekam ein deutscher Journalist diesen Preis, Carl von Ossietzky im Jahr 1935.  Er fand heraus, dass Hitlers Deutschland schneller aufrüstet, als die Beschlüsse von Versailles es zuließen, wurde des unpatriotischen Verhaltens bezichtigt, mehrere deutsche Wissenschaftler  haben aus Protest gegen die Entscheidung des Nobelkomitees auf ihre Preise verzichtet. Carl von Ossietzky konnte den Preis nicht entgegennehmen, zum Zeitpunkt der Verleihung war er bereits im KZ. Den großen Krieg, den er kommen sah, konnte er auch nicht verhindern aber möglicherweise hinauszögern. Die anderen Preisträger bekamen nach dem Krieg alle ihre Preise selbstverständlich zurück.


Mama, wir gehen heute wählen! sagte ich. Wie weit? fragte Mama zurück. Ihre Beziehung zum Spazierengehen ist ambivalent. Einerseits ist der Schrittzähler ihre Lieblingsapp, sie nimmt das Telefon sogar mit, wenn sie nachts auf die Toilette geht, denn jeder Schritt zählt. Und trotzdem sind es am Ende des Tages höchstens 42. Doch wählen gehen war Ehrensache, bereits vor der Bundestagswahl sprachen die Kinder mit Oma nur über Politik, sie wollten mit Mamas Stimme einen Rechtsruck verhindern. Wenn es nach Kindern ginge, würden sie am liebsten überhaupt keine bürgerlichen Parteien, sondern nur Tierschützer und Kommunisten wählen. Du musst mitkommen Oma, schließlich geht es um meine Zukunft! sagte das Enkelkind. Und doch waren wir überrascht, als wir die Schlange vor dem Wahllokal sahen. Eine solche Schlange habe ich in den 30 Jahren in Deutschland nicht einmal am Flughafen gesehen. Vielleicht wäre sie mit der Schlange in Moskau vergleichbar, als die erste McDonalds Filiale dort aufmachte. Ich nahm Mama wie ein Schild vor mir und rief laut „Lassen Sie die 95jährige durch! Sie kann nicht mehr stehen! „Ich kann nicht mehr!“ schaukelte Mama eindrucksvoll. „Ich muss meine Stimme dringend abgeben!“  Unsere Strategie ging auf, wir kamen schnell voran, bekamen beide eine Menge Zettel und einen Kugelschreiber in die Hand gedrückt. Was soll ich noch mal wählen? fragte Mama. Du machst ein Kreuz überall, wo rot oder grün ist, klärte das Enkelkind sie auf. Zuhause erzählte er Mama was der Unterschied zwischen Ampel und Jamaika ist. Wie soll diese Ampel funktionieren? fragte sie. Bei der echten Ampel leuchten die Lichter nicht gleichzeitig, sondern eins nach dem anderen. In der Politik ist alles möglich, sagte ich, sie leuchten alle gleichzeitig, es wird sehr hell sein, und niemand wird wissen was los ist, das wirst Du sehen. Lieber nicht, lachte sie.


Zum 3.Oktober

 

Wir sind verlorene Menschen: Russen, die in der Sowjetunion aufgewachsen und sozialisiert wurden, erzählte ich neulich meinen ostdeutschen Freunden. Wir wurden aus dem Reagenzglas des „größten sozialen Experiments der Weltgeschichte“ einfach ausgeschüttet. Neben uns im gleichen Glas saßen übrigens die Bürgerinnen und Bürger der DDR, ihr wurdet jedoch sorgfältig in die Bundesrepublik gegossen. Kein Mäuschen ging verloren.

In Russland wusste niemand, wie das Experiment enden würde, würde man neue kommunistische Mäuse mit übernatürlichen Fähigkeiten in unserem Land züchten oder wir alle im Labor sterben? Das Experiment wurde an der interessantesten Stelle unterbrochen, nicht weil die Mäuse nicht mehr wollten, die hat niemand gefragt, der Laborleiter hatte bloß keine Lust mehr. Der Ausgang des Experiments blieb also offen.

Deswegen ist es für meine Landsleute so schwierig, jenseits des Labors die Kurve zu kriegen, manchmal glaube ich, wir werden von den Normalsterblichen für nicht ganz dicht gehalten.

Ganz anders war es bei Euch in der DDR, ihr habt sehr selbstbewusst gegen das Experiment demonstriert, die Mauer auseinandergenommen und schließlich das Land gewechselt, ohne auf Reisen gehen zu müssen. Nein, sagten die Freunde unisono, so war es nicht.

Ich bin schon mit meinem Vater auf die Straße gegangen, sagte mein Freund aus Neuruppin, aber erst nach der Wiedervereinigung, wir haben gegen die Schließung der Betriebe, gegen die Massenentlassungen demonstriert. Ich war in der sechsten Klasse, auf einmal mussten wir unsere Pionierhalstücher und Lehrbücher abgeben. Ab Montag werdet ihr neue Lehrbücher bekommen, sie werden Euch in eurem Erwachsenenleben helfen, sagte der Hausmeister, die alten DDR-Lehrbücher hatte er auf dem Hof hinter der Schule verbrannt. Sie brannten schlecht, entweder waren sie nass oder das Papier war von schlechter Qualität. Es gab mehr Rauch als Flammen.

Diese Geschichte erinnerte mich an die Erzählungen einer alten Freundin aus Görlitz, die dort eine Bibliothek leitete. Nach der Wiedervereinigung bekamen sie einen Stapel blauer Säcke und die Einweisung, den gesamten Bücherbestand da rein zu packen, vorübergehend, bis sie abgeholt wurden. Die neuen Bücher seien schon unterwegs, hieß es. Die Bibliothekarin hatte das Gefühl, sie selbst, ihr ganzes Leben sollte in diesen blauen Säcken verschwinden, sie konnte bei dieser Aktion nicht mitmachen und kündigte freiwillig. Mein Nachbar in Brandenburg war ein NVA-General, nach der Wiedervereinigung wollte die Bundeswehr nicht so viele Ostgeneräle übernehmen, sie wurden alle zu Obersten degradiert und in Rente geschickt. Er ist daraufhin schwer krank geworden. Der ehemalige Chef meiner Lieblingskneipe, arbeitete früher bei der Stasi, er war für einen großen Berliner Betrieb zuständig. Zu seinen Aufgaben gehörte es, vertrauliche Gespräche mit den Mitarbeitern zu führen, die allgemeine Stimmung und die persönlichen Meinungen der Arbeiter zu politischen und privaten Themen zu erkunden.

Auch er verlor nach der Wiedervereinigung seinen Job, machte eine Umschulung zum Koch und eröffnete eine Kneipe, noch Jahre später versuchte er, seine Stasi- Methoden in der Küche seiner Gaststätte einzusetzen. Um das Betriebsklima zu verbessern, führte er mit allen Mitarbeitern vertrauliche Gespräche, er fragte sie, was sie von ihren Kollegen hielten. Vielleicht schrieb er diese Gespräche sogar auf, aber es gab keine Zentrale mehr, wo er sie hinschicken konnte.

Ja, die Ostdeutschen haben damals demonstriert, erklärten mir die Freunde und Nachbarn, sie wollten aber nicht, dass ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird. Sie waren in ihrer DDR gut behütet aufgewachsen, jeder Bürger hatte gleich nach der Geburt ein „Ausweis zur Arbeit, Spaß und Sozialversicherung“ bekommen, dieses Buch musste man überall mit hinnehmen, ob man zum Arzt, zur Schule oder zur Arbeit ging, alle Arbeits- und Liebesverhältnisse, alle wichtigen Lebenspunkte wurden in dieses Buch eingetragen, nach dem Tod musste das Buch in der Volkskammer abgegeben werden. Im Grunde mochten die meisten ihre DDR, nur das Ostgeld konnte niemand leiden.

Das Ostgeld hatte eine begrenzte Kaufkraft und sah Scheiße aus. Besonders die Münzen, im Volksmund als Alu-Chips verspottet, sahen wie Spielgeld für Monopoly aus, total unseriös. „Wir wollen Westgeld!“ forderten die Menschen laut nach dem Fall der Mauer, als sie die verlockenden Geschäfte des Westens besuchen konnten. Dummerweise konnte man dort nicht mit Ostgeld zahlen. Sie wollten aber auf den Rest der DDR nicht verzichten, immerhin hatten sie nach dem Mauerfall brav die neue Volkskammer gewählt.

Der hinterhältige Westen, so sagten es meine Nachbarn, habe die DDR mit der Währungsunion gekauft, jeder hat richtiges Westgeld bekommen, Hundertmark oder mehr und konnte sein DDR-Spielgeld umtauschen, natürlich nicht 1 zu 1 und nur bis zu einer bestimmten Summe. Aber die Menschen waren glücklich. Drei Monate später war die DDR als einziges Land aus dem sozialistischen Lager endgültig von der Weltkarte gelöscht und restlos verschwunden.

Auf einmal waren die Bürger auf sich allein gestellt, sie verloren ihre Arbeit, niemand wollte mehr mit ihnen vertrauliche Gespräche führen, niemand wollte mehr etwas über die allgemeine Stimmung wissen. Die Stimmung war mau. Das neue Westgeld musste hart erarbeitet werden, man wusste nicht richtig wie. Die einen gaben auf und gingen unter, die anderen versuchten ihr Glück im kapitalistischen Hamsterrad. Einige haben es geschafft: Spreewälder Gurken, Bautzener Senf und das Russischbrot. Sie werden noch immer gerne im Osten der Republik gegessen.

Und was ist mit dem alten witzigen Ostgeld passiert, mit den ganzen Alumünzen, die nach der Währungsunion überall auf der Straße und in den Mülleimern lagen? Ich habe Grund zur Annahme, sie wurden ebenfalls gegessen.

Laut meiner Recherche wurden die Alumünzen zu Alu-Baren geschmolzen und von der Treuhand den Betrieben überlassen, die Aluminiumsalze brauchten, vor allem in der Kosmetik- und Medizin-Branche. Alu-Substanzen werden bei der Herstellung von Lippenstiften, Deos, Zahnpasta und Sodbrenntabletten gebraucht. Das Geschäft mit Kosmetik und Arzneien lief damals blendend, vor allem im Osten wollten die Menschen gut aussehen, wenn sie auf Arbeitssuche gingen. Und sie hatten bestimmt öfter Sodbrennen. Welch eine böse Ironie würde hinter dieser Geschichte stecken, das neue Geld hat uns unser altes verfüttert, sagte mein Nachbar nachdenklich. Zuerst kam Sodbrennen und dann die Ostalgie. Wir wissen nicht, was wir vermissen, bis wir es gegessen haben.


heute Abend meine Lesung in Freiheit 15 in Köpenick


Die rotgrüne Koalition kam dieses Jahr in unserem Garten nicht zustande, die Gurken waren nur kurzzeitig erschienen und haben sehr schnell, quasi über Nacht alle ihre Prozentpunkte verloren, die Tomaten dagegen haben zu viel Wasser abbekommen und sind lange grün geblieben um dann gleich braun zu werden, nur ein Paar von ihnen wurden rot. Die Kirschen haben dieses Jahr gestreikt. Wegen dem kalten Frühling kamen zu wenig Insekten in den Garten, es wurde zu wenig bestäubt, obwohl die Pflanzen ungewöhnlich lange in voller Blüte standen, als wären sie alle schon zwei Mal geimpft. Das gleiche Bild bei der Schwiegermutter in ihrem nordkaukasischen Garten. Seit zwei Jahren können wir nur telefonieren, sie darf nicht nach Deutschland kommen, wegen Corona. In ihrem Dorf lassen sich die Menschen aus Prinzip nicht vakzinieren, doch auch geimpft wäre sie nicht nach Berlin gekommen, weil die russischen Impfstoffe von der Europäischen Kommission nicht anerkannt werden. Zurzeit dürfen nur Erdressourcen: Öl, Gas und Pilze problemlos über die Grenze.

Die Pilze sind dieses Jahr gut geraten. Auf dem Markt in Bautzen haben die Einheimischen hauptsächlich Birkenpilze verkauft. Wieso ausgerechnet Birkenpilze und nicht Maronen oder Pfifferlinge? wunderte ich mich. Es gibt doch kaum Birkenwälder in der Gegend.

Die Birkenpilze kommen aus Polen, klärte mich eine Dame auf dem Markt auf. Die Polen bringen sie nach Bautzen zum Markt. Und die Polen haben sie von den Ukrainern. Und die Ukrainer wahrscheinlich von den Russen. Die Pilze reisen durch die Welt, ungewaschen und nicht geimpft, sie müssen auch nicht von der europäischen Kommission als gesund anerkannt werden. Wäre meine Schwiegermutter ein Pilz, hätte sie uns besuchen können. Ist sie aber nicht.


Die Welt von morgen schon heute.

Wir sitzen mit Mama und Kids auf dem Balkon, Vorderhaus erster Stock. Das Wetter ist perfekt, nicht zu kalt und nicht zu heiß, das vegane nepalesische Restaurant im Erdgeschoß ist knacke voll, der Geruch von gekochten Teigtaschen, Ananas und Desinfektionsmittel drängt in die Wohnung. Lustige Gesichter lächeln uns von den Straßenlaternen und Bäumen zu, sie wollen uns in die Zukunft führen, die nebelig ist. Deswegen formulieren sie auf ihren Plakaten möglichst undeutlich: Respekt, Kompetenz,  Sicherheit, aber normal, sozial gerecht aufstocken, zurück zur Normalität, gemeinsam in die Zukunft.

Direkt vor meinem Balkon steht etwas über die Autobahn 100. Wollen sie den Ausbau beschleunigen oder verhindern?

Meine Kindheit und Jugend fanden unter solchen nichtssagenden Plakaten statt, sie waren eine nie ausgehende Requisite, die uns im Alltag begleitete, sie hingen das ganze Jahr über an den Geschäften und Hausfassaden:  Mutig in die Zukunft, unser Ziel ist Kommunismus, Streichhölzer sind kein Kinderspielzeug, Fünfjahresplan in vier Jahren. Niemand hat sie kritisch hinterfragt, niemand regte sich auf, warum sollten wir diesen mysteriösen Fünfjahresplan in vier Jahren schaffen, und was machen wir dann das ganze fünfte Jahr? Autobahn ausbauen?

Allen war klar, unsere Regierenden taten nur so als ob, sie wollten die Welt nicht wirklich umbauen, vor allem aber mussten wir, Bürger, nichts tun, nur loyal sein und optimistisch grinsen. Es war nicht alles gut damals, aber irgendwie schon entspannter.

Heute leben wir in einer sehr komplexen Welt, die Angst macht. Industrielle Ökonomie mit ihrem vorgegebenen Lebenslauf: Du gehst einmal studieren und arbeitest bis zum Rentneralter, liegt im Ruin, alte politische Parteien stecken in der Krise, die Familie wird umstrukturiert, die Jugend zieht es vor, alles Mögliche gleichzeitig zu studieren, in Projekten zu arbeiten und in Kollektiven zu leben, beinahe täglich entstehen neue Identitäten, neue Gender, neue soziale Rollen. Millionen Menschen sind unterwegs, sie vermuten ausgerechnet in Deutschland einen besseren Ort, bringen ihre Kulturen, ihre Religionen, Bakterien, Viren mit. Dazu spielt das Klima verrückt.

Doch die Menschen von den Plakaten wollen beruhigend wirken.

Lehnt Euch zurück in den Sessel, ihr braucht uns nur zu wählen, wir schaffen das, niemand bleibt im Regen stehen, vorausgesetzt wir werden Minister. Natürlich sind das leere Versprechen. Die Plakate kennen die Zukunft nicht, die Kids aber, immerhin werden sie diese Zukunft aufbauen. Hey Kids, wie sieht die Zukunft aus? Wird die Autobahn aus- oder abgebaut? fragte ich auf dem Balkon. Du wirst dich wundern Papi, lachten sie.

Wir werden die Autobahn 100 um die Stadt mächtig ausbauen, mit zehn Fahrradstreifen in beiden Richtungen, Autos müssen raus aus der Stadt auch die selbstfahrenden Elektroautos werden sich nicht durchsetzen, sorry, so viel Strom haben wir nicht. Die Parteien werden abgeschafft, tut uns leid für Menschen auf den Plakaten, die Bürgerinnen und Bürger werden das Regieren übernehmen.

Das Amt der Bürgermeisterinnen wird jedes halbe Jahr von einer anderen Bürgerinitiative besetzt, in der alphabetischen Reihenfolge von: „ALvonSo“ (Arabische Lesben von Sonnenallee) bis Zynische Tierfreunde e.V.

In die leerstehenden Büroräume und ehemalige Gewerberäume des Einzelhandels ziehen Berliner Kommunen ein, Menschen, die sich nach Interessengruppen zusammentun und ihre „Wohn- und Arbeitsbüros“ als alternative Lebensentwürfe verwirklichen. In die Betonklotze der leeren Parkhäuser und in die pleitegegangenen Einkaufspassagen, die zu Kollateralschäden der Internetökonomie wurden, ziehen Landwirte ein, die Gemüse und Kunstfleisch ökologisch gerecht anbauen. Kohlenussteig wird sofort vollzogen. Die unzähligen Fitnessstudios werden zur freiwilligen Stromerzeugungsstätten umgebaut, wo die Menschen an Geräten trainieren, die gleichzeitig Strom für die Stadt (nicht für Autos!) produzieren können. Der Berliner Flughafen wird geschlossen. Wenn Gott wollte, dass die Menschen fliegen, hätte er ihnen Flügel gegeben.

Die Hertha BFC spielt erfolgreich in der Frauenfußball Bundesliga in der Mitte der Tabelle, sie behauptet sich sogar gegen die BorussInnen Dortmund und WerderInnen Bremen. (Im Siegeszug des Gleichberechtigungskampfes wird Fußball ein von Frauen dominiertes Spiel sein, aufgrund der sinkenden Einschaltquoten werden Männer einige Sportarten zugunsten der Frauen aufgeben und sich auf Dart, Gymnastik mit Band und Synchronschwimmen konzentrieren.) Die Berliner Küche hat eine ruhmvolle Zukunft, sie wird überall auf der Welt, aber besonders in China hochgeschätzt. Die Deutschen werden nämlich Paneurasisch kochen, ein typisches Gericht dieser Küche wird die berühmte Berliner Pho Suppe sein, mit Falafelnudeln und Tofu - Currywurst. Die türkischen Läden bieten fleischfreie Döner mit Melone und Salat an, die Russen drehen RussianSushi: Reistaschen mit Salzgurke und Schnaps.

Und ich? Was mache ich in dieser schönen neuen Welt? hackte ich nach. Nichts, meinten die Kinder. Du sitzt weiter auf dem Balkon und erzählst, früher war alles besser.


Tapfer und entschlossen gehe ich auf Lesereise mit dem zweiten Band meiner Corona-Trilogie “Die Wellenreiter”


Ich bekomme permanent Gänsehaut, wenn ich bei Google die Nachrichten aufrufe: Putin führt einen stillen Krieg gegen Europa, Situation in Afghanistan eskaliert, Mauerpark in Berlin wird immer gefährlicher und Deutschland steckt in einer Komplexitätsfalle. Gott sei dank ist nicht alles schlecht. Zwischendurch küsst Herr Wendler seine Laura, muss aber sofort danach sein Haus in Florida verkaufen, sie küsst ihn zurück und postet Herzchen auf Instagramm, die Welt ist also noch nicht ganz verloren, solange es noch die wahre Liebe gibt. Meine Mutter liest inzwischen auch Nachrichten nur im Netz, sie ist allerdings in der russischen Nachrichtenwelt beheimatet, und die Russen hatten schon immer ganz andere Nachrichten als der Rest der Welt.  Mamas Nachrichtenwelt unterschiedet sich auffällig von meiner, als würde Mama nicht im gleichen Haus leben, sondern auf einem anderen Planeten. Jedes Mal staune ich, wenn wir uns zur Lage der Welt austauschen.  Der ehemalige Solist von Bolschoj leitet nun eine neue Tanzschule in St. Peterburg für besonders begabte Kinder, „Krieg und Frieden“ gibt es jetzt als  Ballett  und thailändischer Gurkensalat wurde vom internationalem Kochkomitee offiziell als gesundeste Speise der Welt anerkannt. Ich würde gern in Mamas Welt umziehen, die hauptsächlich aus Ballettpremieren und Rezepten für Gurkensalate besteht. Nur selten werden dort von schnurbärtigen russischen Politologen drei wirklich wichtige Fragen der internationalen Politik beleuchtet: Warum sind die Amerikaner dumm, wo steckt Greta und wieso Taliban kein Corona hat, obwohl sie sich nicht impfen lassen. Ich verstehe natürlich, dass wir beide von den hinterhältigen Algorithmen an der Nase herumgeführt werden. Die verschiedenen Nachrichten werden uns aufgetischt, weil wir einmal draufgeklickt haben. Seitdem kocht uns der Algorithmus sein Beruhigungssüppchen und Wendler ist das, was  Gurkensalat bei Mama ist.  Die wahren Nachrichten werden wir nie erfahren.