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Am Freitag, den 13 März war meine Veranstaltung in Baden Baden coronabedingt ausgefallen, die folgenden Termine ebenso. Seit diesem Tag habe ich keine Leser*innen, kein Publikum gesehen. Jetzt, 4 Monate später, fängt das Veranstaltungsleben wieder an, ich bekomme Anfragen für Russendiskos und Lesungen.  Am 15. Juli darf ich in Heidelberg auftreten, am 17. Juli in Chemnitz.Ich werde auf jeden Fall da sein, bin gespannt ob noch jemand kommt


https://www.reservix.de/tickets-wladimir-kaminer-deutschland-raucht-auf-dem-balkon-in-heidelberg-heidelgarden-heidelbeach-am-15-7-2020/e1570592


Mein Freund hat die Pandemie in Washington D.C. nicht auf dem Sofa verbracht. Er hat ein Buch geschrieben:

https://www.corpus.ru/products/mir-postavlennyj-na-pauzu.htm

Kann ich nur wärmstens empfehlen!


Millionen Russen haben der          Verfassungsänderung zugestimmt,          die meisten, ohne sie zu lesen. 9 Artikel wurden geändert,          Gott ist in das Grundgesetz          eingezogen, als Garant der Einheit der russischen Föderation.          Außerdem wissen          die Bürger ab heute was eine Familie bedeutet - sie ist der          heilige Bund          zwischen Mann und Frau, und nicht zwischen Mann und Baum oder          Mann und Auto,          wie einige vielleicht dachten. Die Kinder wurden zum          wichtigsten Guthaben des          Staates erhoben und die Landesgrenzen für nicht verrückbar          erklärt. Dem          amtierenden Präsidenten wurde das Recht auf ewige          Präsidentschaft eingeräumt. Den          Bürgern wurde dadurch eine große Last abgenommen, sie müssen          sich keine Sorgen          mehr machen, wer demnächst ihr Land regiert, welche politische          Ziele und Prioritäten          verfolgt werden. Auch das ewige Gejammer, dass es keinen          anderen Präsidentschaftskandidaten          außer Putin gibt, ist vorbei. Ein auf Ewigkeit amtierender          Präsident braucht          keine Gegenkandidaten. Trotz Pandemie und hoher          Ansteckungsgefahr wurde das Referendum          reibungslos organisiert, man könnte praktisch überall          zustimmen, die Wahlurnen          hat man in den Parks, auf Kinderspielplätzen und in den          Hinterhöfen der          Wohnhäuser gesichtet. Wer Angst oder keine Lust hatte          auszugehen, dürfte auch zuhause          abstimmen, ein Kopfnicken in Richtung Fernseher reichte aus.  Die ultrarechten          Abgeordneten aus Deutschland,          Italien und Serbien schickten ihre unabhängigen Beobachter,          lumpenreine          Demokraten von der AfD und Liga Nord. Sie haben die          Durchführung der          Volksabstimmung als großen Schritt in der Entwicklung der          russischen Demokratie          gelobt. Zweifelsohne ist Putin schon wieder ein großer Sieg          gelungen, die ewige          Präsidentschaft ist gesichert. Es bleibt nur ein Problem, die          Sache mit dem          ewigen Leben. Es kann auch durch eine perfekt organisierte          Volksabstimmung nicht          gewährleistet werden. Was passiert dann mit dem heiligen Bund          zwischen Mann, Frau          und Putin, wenn einer ausscheidet, das weiß keiner.  


Auf ausdrücklichen Wunsch des Präsidenten hat Russland pünktlich zur Volksabstimmung über Putins unbegrenzte Präsidentschaft das tödliche Virus landesweit eingedämpft. Nach langer Pause haben in Moskau Cafés und Restaurants, Schwimmbäder und Kindergärten aufgemacht. Die Großveranstaltungen dürfen wieder stattfinden. Bereits am Mittwoch rollten die Panzer über den Roten Platz, viele Staatsgäste aus dem Ausland, die zur verschobenen Militärparade zum Tag des Sieges erwartet waren, sagten jedoch ihre Teilnahme ab. Der Präsident von Turkmenistan entschuldigte sich, er habe am nächsten Montag seinen Geburtstag, der in Turkmenistan als nationaler Feiertag gilt, den muss er unbedingt mit seinem Volk zusammen feiern. Seine Kollegen aus Armenien und Aserbaidschan könnten nicht nebeneinander auf der Bühne stehen, der kroatische Präsident lies wissen, sein Flugzeug sei kaputt. Der Präsident von Kirgisien wurde bei der Anreise positiv auf Corona getestet und musste in die Quarantäne, sein weißrussischer Kollege hat es bis zum Mausoleum geschafft, dürfte aber nicht neben Putin sitzen.

Am anderen Ende des Landes, in Wladiwostok begann zur gleichen Zeit der Wettbewerb der Totengräber, organisiert von der Firma „Nekropolis Expo“ der größten sibirischen Messe der Bestattungsinstitute. Im Rahmen des Programms „Friedhof ohne Grenzen“ zeigten professionelle Bestatter ihr Können, unter dem Motto „schneller, breiter, tiefer.“ Die Idee des ungewöhnlichen Wettbewerbes war „den Beruf des Totengräbers und die Qualität der Bestattungen aufzuwerten und das Interesse der Jugend zu diesem Beruf zu wecken.“ Kleine Zweimann-Brigaden wurden von der fachkündigen Juri kontrolliert, die Gräber sollen 200-80-160 cm sein, der Sarg exakt reinpassen. „Auf die Gewinner warten überraschende Preise“ berichtet die sibirische Presse. Überall boomt das Leben.


Humboldthain

https://youtu.be/op2cdAvKx20

Gestern saß ich im Zug nach Oberammergau. „Sie sind aber mutig“ sagte der Zugschaffner zu mir, weil ich mir erlaubt habe, die Atemschutzmaske für kurze Zeit abzunehmen. Ich bin nicht mutig, ich kriege bloß keine Luft. In diesem Sommer sollte ich drei Dokumentarfilme über großartige Kulturevents drehen, über Orte, die mit Kunst und Musik tausende von Menschen anziehen. Die Events sind wegen der neuen Hygienekonzepte alle abgesagt worden, die Kunstliebhaber Zuhause geblieben. Die Filme waren aber schon fest eingeplant. Also beschloss die Fernsehredaktion kurzerhand, wir drehen stattdessen den Film „Der verlorene Sommer“. Wir fahren zu allen Events, die nicht stattfinden und reden mit den Künstlern, die nicht auftreten dürften, mit Hoteliers und Restaurantbesitzer, die vor der Pleite stehen. Die Passionsspiele in Oberammergau werden nur alle zehn Jahre aufgeführt, das ganze Dorf hilft Jesus sein Kreuz auf Golgotha zu tragen. Wer da nicht mitgemacht hat, hat nicht gelebt. Außerdem haben mir die Insider verraten, wartet die christliche Welt seit über 2000 Jahren auf Wiederkehr Christi. Den Gerüchten zufolge wird er aber erst dann zurückkommen, wenn die Bayern ihre Passion einmal richtig glaubwürdig spielen. Bis jetzt war immer etwas dazwischengekommen, mal waren es die Nazis, mal hatte Pilatus plötzlich den Text vergessen. Dieses Jahr wäre es bestimmt gelungen. Die Darsteller haben sich seit zwei Jahren nicht rasiert, Kostüme per Hand genäht und den Text auswendig gelernt.  Dann kam die Verordnung, die Geschichte der Passion entspricht nicht dem neuen Hygienekonzept. Da werden vor dem Abendmahl nicht einmal die Hände gewaschen. 2020 wird also nicht gekreuzigt. Dieses Jahr geht der Kelch an ihm vorüber, nicht nach dem Vaters Willen, sondern nach der Anweisung der Landesregierung.


Die Zahl der Neuinfektionen in Russland pendelt zwischen 8000 und 9000 täglich, die Eindämmungsmaßnahmen in Moskau sind auf Befehl von ganz oben aufgehoben.  Nächste Woche ist die Militärparade. Der Präsident soll bis zum Tag der Parade den Bunker nicht verlassen, für Besucher ist ein „molekularer Tunnel“ aufgebaut. Durch die Einwirkung von Desinfektionsmolekülen werden die Besucher bis auf die Knochen rein gemacht.

Alle 200 Veteranen, die mit dem Präsidenten zusammen die Militärparade anschauen müssen, sind vorsorglich in zweiwöchige Quarantäne geschickt worden (der Jüngste ist 93 der älteste 101 Jahre alt) damit sie den Präsidenten nicht anstecken. Gleich danach findet im ganzen Land die Volksabstimmung zur Grundgesetzänderung statt, damit der amtierende Präsident bis zu seinem Tod, sollte er jemals eintreten, und darüber hinaus an der Macht bleiben kann. Millionen werden aufgefordert zur Abstimmungslokalen zu kommen. Die Stimmung ist gut, die Sicht ist klar. Auf dem Foto „Deutsches Rotes Kreuz bringt eine kranke Frau zur Wahlurne, Berlin 1932. Foto W. Gircke  


Liebe Autofahrerinnen, liebe Fußgängerinnen, die speckigen Flamingos und die Schriftsteller  ziehen weiter in Richtung Süden. Nach drei Monaten unfreiwilliger Quarantäne habe ich nun meine erste Lesung „Der verlorene Sommer. Deutschland raucht auf dem Balkon“ am 17 Juni um 20:30

In Heidelberg am Strand, in Heidelgarden. Alle sind willkommen!

https://www.reservix.de/tickets-wladimir-kaminer-deutschland-raucht-auf-dem-balkon-in-heidelberg-heidelgarden-heidelbeach-am-17-6-2020/e1570592


Der Hit am Montag.
Uns beschäftigt das Schicksal der Fledermäuse. Die Menschen zerstören den Planeten und suchen dann nach dem Schuldigen. Die russische Regierung sagt, das Virus käme aus dem “Ausland”, die Europäer zeigen auf Amerikaner, die Amerikaner auf Chinesen und die Chinesen auf die Fledermäuse. Ausgerechnet sie sollen Schuld sein an der Misere der Menschen. Dieses Lied widmen wir allen Lebewesen, die von Menschen gejagt, gefoltert, vernichtet werden. Haltet durch!  https://youtu.be/VP-B_2ccWaU


Am Freitag den 5. Juni mache ich zusammen mit BKA Theater eine Live- Stream Lesung  aus meinem aktuellen Fortsetzungsroman “Der verlorene Sommer. Deutschland raucht auf dem Balkon” Es wird auch auf meiner Seite gezeigt, guckt! 


https://www.bka-theater.de/content_start.php?id=179