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ich habe für RAMP Style über Mode geschrieben. Hier ein kleiner Auszug: Jugendmode in der SU


Wir, Jugendlichen wollten nicht vom Staat angekleidet werden, wir entwickelten unsere eigene Mode, es war die Mode des Protestes, des Widerstandes gegen unsere Aufpasser. Manche hatten Glück, ihre Eltern hatten Geld, sie konnten sich auf dem schwarzen Markt ausländische Klamotten besorgen, andere machten ihre Mode in eigener Herstellung. Es gab bei uns nämlich feine Stoffe zu finden, zum Beispiel Seide. Fallschirmseide. Ein Freund von mir hatte sich in den Verein der jungen Fallschirmspringer eingeschrieben, das galt als eine wichtige Etappe bei der Vorbereitung zum Militärdienst. Dort auf dem Flugplatz Wnukowo war es ihm gelungen, einen Fallschirm zu entwenden. Diesen Fallschirm zerlegte mein Freund Zuhause in viele Teile und nähte daraus die feinste Frauenwäsche, Strings, Tangas und Bikini-Slips. Die Frauenunterwäsche gab es nicht im freien Angebot, zumindest nicht eine solche großartige aus Seide. Aus einem einzigen Fallschirm konnte mein Freund mehrere hundert Frauen glücklich machen und ist am Ende des Fallschirms so reich, wie ein arabischer Scheich geworden. Meine damalige Freundin hatte eine noch clevere Idee. Jedes Jahr zu großen sozialistischen Feiertagen wurden an allen Hausfassaden große rote Fahnen mit goldenem Hammer und Sichel angebracht, an machen Wohnhäusern wehten sogar zwei Fahnen an beiden Ecken, gar nicht weit oben. Es bedarf nicht einmal einer Leiter, um eine solche Fahne zu stehlen. Man brauchte nur Mut und Courage, das hatte meine damalige Freundin im Übermaß. Nachts ging sie auf Fahnenjagd. Aus zwei rot-goldenen Fahnen nähte sie sich ein schickes Kleid. Ich trug die ganze Zeit deutsche Klamotten.  Die beste Freundin meiner Mutter hatte einen Deutschen geheiratet, war mit ihm nach Deutschland gegangen und zwei Jungs bekommen, die sehr schnell wuchsen. Beide waren zwei Jahre älter als ich, einer etwas größer als der andere, ich wuchs ihnen ständig nach und also bekamen wir regelmäßig die humanitäre Hilfe aus Deutschland, zuerst waren es Kindersachen, ich war der Einzige in meinem sowjetischen Kindergarten, der eine Lederhose trug, später kamen die coolen Jeans, lange müllsackähnliche Pullover, kurze Shirts und eine hellbraue Samtjacke, damals schwer in Mode.In diesen Klamotten sah ich immer anders aus als meine Klassenkameraden und bildete mir ein, ich sei nicht von hier, mein Platz auf dieser Welt sollte irgendwo anders sein, möglicherweise in Deutschland.


Die Zeit dreht sich schnell, mein neues Buch, “Der verlorene Sommer. Deutschland raucht auf dem Balkon” ist auf Ukrainisch erschienen, sehr liebevoll übersetzt und illustriert.


Putin vs Biden. Extinction

Kurze Politinformation in zwei teilen:

 

Teil I  Was liegt an

Bei booking.com war das Hotel Intercontinental in Genf für die Zeit von 15. bis 17. Juni ausgebucht, kein einziges Zimmer mehr frei, nicht einmal ein kleines Standard-Einbettzimmer, von der „Präsidentensuite mit Seeblick “ ganz zu schweigen. Diese Präsidentensuite war, laut hauseigener Bewertung „besonders bei den älteren Paaren beliebt“. Kommt darauf an, was für Paare, dachte ich, wenn es um ein Präsidenten-Paar geht, die einander nicht ausstehen und jeder sich für den mächtigsten Mann der Welt hält, könnte es sogar in der „Präsidentensuite mit Seeblick“ schnell eng werden.

Ich hätte gern an diesem Treffen teilgenommen. Je erwachsener meine Kinder werden, umso mehr Fragen haben sie an die „alten weißen Männer“, die sich auf der Erde für Ordnung und Sicherheit zuständig fühlen.

Was sind diese Weltmächte mit Atomraketen wirklich, ein Garant des Friedens oder eine Gefahr für die Zukunft des Planeten? Vielleicht könnten wir das in Genf klären? Aber wie gesagt, es war kein Zimmer frei. Die beiden werden ohne mich klarkommen müssen.

Angeblich war das Hotel Interkontinental Putins Wahl. In diesem Hotel haben schon Michael Gorbatschow und Ronald Reagan dem Kalten Krieg ein Ende gesetzt. Das wäre ein Witz ganz im Putins Sinne, im gleichen Gebäude den Kalten Krieg 2.0 zu forcieren. Außerdem erinnerte ihn das Haus an die DDR, seine schönste Lebenszeit, das Interhotel in der Prager Straße in Dresden sah in den Achtzigerjahren dem Genfer Interkontinental  sehr ähnlich. Leider kann das Treffen in der DDR nicht stattfinden, wegen der Abwesenheit der demokratischen Republik, aber Genf geht zur Not auch, dachte der russische Kollege, das Frühstück ist inklusive und der Fitness-Bereich 24 Stunden geöffnet.

Es gibt aber in dem besagten Haus nur eine große Präsidentensuite, 650 Quadratmeter für 55 000 Dollar die Nacht und die hat die Administration von Biden im Voraus reserviert. Die Genfer Zeitungen und die russische Presse haben ausführlich darüber berichtet. Die kleineren Suiten, mit 120 Quadratmeter sind zwar vorhanden, aber wenn jemand sich bereits bei der Frage der Unterbringung einen solchen Schmach gefallen lässt, braucht er zu den Verhandlungen gar nicht mehr zu erscheinen. Die Russen könnten natürlich das Hotel kaufen und aus den übrig gebliebenen Präsidentensuiten eine übergroße bauen, um Biden zu blamieren.

Dafür war jedoch die Zeit zu knapp. Das war ein Riesenärgernis, denn die Sicherheitsdienste haben schon das Hotel vorbereitet und das Wasser im Pool zu Hälfte abgelassen, (wenn Präsident schwimmen geht, darf das Wasser nicht höher als 1m50 sein). Nun wird das Treffen kurzerhand in die Villa la Grange verlegt, ebenfalls mit Seeblick, die muss aber noch mit dem Stacheldraht eingemottet werden und der Teich trockengelegt. Die Vorbereitungen gehen Tag und Nacht und alle meckern schon jetzt, es wird nichts, dieses Treffen sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Es wird kein gemeinsames Bild, keine Pressekonferenz und kein Communiqué geben. Russland kann Amerika in seinem Kampf gegen China wenig helfen und noch weniger schaden. Denn nur darum geht es den Amerikanern.

 

Teil II

Worum geht es:

Der russische Ewigpräsident wurde seit langem nicht mehr zu internationalen Gipfeltreffen eingeladen, niemand aus dem Westen kam zu seiner alljährlichen Maiparade. Bereits vor Jahren sagte er „Seit Mahatma Gandhi tot ist, gibt es niemanden in der Weltpolitik, mit dem ich auf gleicher Augenhöhe reden kann“. Er wartete auf Gandhis Wiedergeburt, vertrieb die Zeit bei Schwimmen und Fitness, bis ihm den Kragen platzte. Er schickte eine Riesenarmee an die Grenze zur Ukraine und drohte mit dem Krieg, sollte der amerikanische Präsident sich mit ihm nicht treffen wollen.

Der amerikanische Präsident ist neu im Amt und muss die stark versalzene Suppe auslöffeln, die ihm sein Vorgänger hinterlassen hat. Er geht auf seine erste Europareise, um das zerrüttete atlantische Bündnis wiederherzustellen.

Amerika verliert nämlich den Wirtschaftskrieg gegen seinen Hauptfeind China. Die Volksrepublik prahlt jetzt schon mit einem Bruttosozialprodukt, das dem der USA nahe kommt, gerade hat die Kommunistische Partei Chinas ihrem Volk das dritte Kind in jede Familie gewünscht, in der Hoffnung, dieses dritte Kind werde China noch schneller zur stärksten Volkswirtschaft der Welt trampolieren. Der Wunsch der Partei ist dem Volk ein Befehl, die quietschenden Betten in der Volksrepublik sorgen bei dem neuen amerikanischen Präsidenten für Tinnitus und Kopfschmerzen.

Das Leben ist ein Meer, der Fährmann ist das Geld: Wer dies nicht besitzt, schifft übel durch die Welt, sagt die deutsche Lyrik und wenn Chinas Wirtschaft weiter in solchem Tempo wächst , werden die Amerikaner ihren Rock-n-roll zu einer Rohrflöte tanzen müssen. Sollte es aber Biden gelingen, die amerikanischen und europäischen Staaten zu einer Wirtschaftsmacht enger zu binden, wird China über das vierte Kind in Ruhe nachdenken müssen. Vor diesem Hintergrund ist für Biden Putin in Genf eigentlich nur ein Hindernis, ein drittes Rad am Wagen. Was soll er mit dem Mann besprechen, den er gerade in einem Interview als Mörder bezeichnete? Ein Präsident, dessen Land zwar alte Atomraketen aus der Sowjetzeit in Mengen besitzt, aber keine nennenswerte Wirtschaftsstärke aufweist, das russische BIP ist 20mal kleiner als das amerikanische, 15mal kleiner als Chinas. Worüber sollen sie reden, über Menschenrechte? Über Gasleitungen? Über den Seeblick?


Wladimir Kaminer - Der verlorene Sommer

Frühjahr 2020. Die Menschen erwachten aus dem Winterschlaf, blinzelten in die Sonne und ahnten nicht, was auf sie zukam.

https://www.eventbrite.de/e/wladimir-kaminer-der-verlorene-sommer-tickets-144748790529

Immer öfter reden die Menschen in meiner Umgebung über die Pandemie in Vergangenheitsform, mit Hoffnung und Freude blicken sie in die Zukunft, Astra, Sputnik, Jonson und Jonson fließen in ihren Adern. Die neue Zeit beginnt, wir haben einiges nachzuholen. Ich glaube es noch nicht ganz, aber am Sonntag habe ich eine Lesung in Altlandsberg, und nächste Woche gleich drei Lesungen: am 10.Juni in Würzburg, am 12.06. in Berlin, in der Zitadelle und am 13.06. in Fürstenwalde. Am 20.06. gehe ich mit Mama in die Oper.


Langsam traut sich unsere Zivilisation wieder an die frische Luft. Als erstes kamen die Fassbiertrinker, die Avantgarde unserer Zivilisation, die frischgetesteten Ganztagskonsumenten schnuppern in den Einkaufszentren und auch schon die großen Koffer rollen wieder durch die Straßen Berlins. Die ersten Touristen sprießen wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. Darf man schon wieder reisen? Na klar, mit einem frischen Test und einer Einreiseanmeldung, möglicherweise ohne danach in Quarantäne zu müssen.

Kurz nach Pfingsten sah ich eine echte japanische Reisegruppe, mit Fotoapparaten und einer kleinen Fahne wie in alten Zeiten. Ich traute meinen Augen nicht, ich dachte zuerst es wären Komparsen in einem Corona-Warnfilm, aber nein, die Touristen waren echt.

Sie standen auf einmal vor dem Brandenburger Tor. Die Velorikschas, der Bratwurstverkäufer, die Eisverkäuferin, die Taxifahrer, alle starrten die Japaner an.  Geht es jetzt schon los? Scheu und unsicher zückte ein Japaner seine Spiegelreflex-Kamera aus der Tasche, seine Landsleute bauten sich zu einem Gruppenbild vor dem Tor auf. Wir schauten alle wie gebannt hin. Wir wussten natürlich nicht, ob es echte Japaner aus Japan oder nur ausgeliehene  aus München oder Düsseldorf waren, ob die internationalen Fernflüge schon wieder möglich waren, ob sie vielleicht gar keine Touristen waren, sondern bloß Virologen im Austausch. Trotzdem starrten wir den Japaner an, wir warteten gespannt auf das Klicken des Auslösers der Spiegelreflex-Kamera, so als würde sie uns allen einen Startschuss geben und eine neue Ära beginnen, genauso schön wie die alte nur besser. Die Kamera klickte leise und sofort fing es zu regnen an.


Bin gerade mit Yuriy Gurzhy im Literaturhaus Leipzig, im Garten mit einer Live-Veranstaltung zum Thema “Woran ist die Sowjetunion zugrunde gegangen” Wir glauben nämlich, ein Song war daran schuld. Liebe Leipziger, ihr habt heute die Chance, eine Live Veranstaltung zu erleben21 – 22 UhrWENN MUSIK ERZÄHLTHinter der Musik verbergen sich Geschichten. Es ist eine Kunst, sie zu erzählen. Wladimir Kaminer, Yuriy Gurzhy und Danko Rabrenović beherrschen sie und erzählen ihre persönlichen Geschichten, die gleichzeitig Geografie, Kultur, Politik und Gesellschaft bedeuten.Kommentierte DJ-Sessions Wladimir Kaminer und Yuriy Gurzhy feat. Danko RabrenovićEinwahl über zoom: https://zoom.us/j/96925443973


Die Bundesnotbremse hatte Nebenwirkungen, der Frühling wurde ausgebremst, es hagelte und schneite im Mai. Trotzdem standen Krokusse, Narzissen und Tulpen ungewöhnlich lange in voller Pracht als wären sie allen schon geimpft, die Maiglöckchen wurden auf später vertröstet, sie bekommen, glaube ich, erst Ende Juni einen Termin. Dafür erwachen die Flieder zum Leben und die Menschen kehren auf die Straßen zurück, sie erobern den sozialen Raum wieder, auch den, der früher fast ausschließlich den Pennern und den Obdachlosen zustand. Auf jeder Bank, unter jeder Brücke, auf jedem Kinderspielplatz picknickten gestern die Menschen. Was hatten wir schon alles in der letzten Zeit nicht ausprobiert: Suppen im Glas, Fish in die Zeitung gewickelt, Schalen mit Nuddeln und Cocktails aus der Tüte. Die Kinder auf dem Spielplatz spielen statt Versteck - Ansteckspiele. „Du hast Corona, Nora!  „Steck an!“ Sie laufen einander hinterher und wer angesteckt war musste in die Quarantäne unter die Bank. Heute dürfen wir als 3G Gesellschaft in die Biergärten: Genesen, Geimpft und getestet. Eigentlich sind wir 4G, aber die Gestorbenen müssen nicht in die Biergärten, deswegen bleiben wir bei 3.Und was wird Corona hinterlassen?  Werden wir weiter die soziale Distanz bewahren, Masken tragen, einander nicht die Hand geben? Alles wird schnell vergessen sein, wir haben schon schlimmeres vergessen. Wir werden einander umarmen, küssen und schmusen, alle Haushalte  einladen und feiern, bis der Arzt mit der nächsten Spritze kommt. Das Einzige was bleibt, wird dieses picknicken sein, weil es so nett war, auf einer Bank zu sitzen und in dem auf den Knien stehenden Pappteller zu stechen. In einem Jahr werden wir uns fragen, war da was? Ein Ausrutscher auf dem Seil des Fortschritts. Ein Picknick auf dem Spielplatz. Wir haben die Hände nicht gewaschen.


Der feine Unterschied zwischen der amerikanischen und der deutschen Politik besteht darin, dass die Amerikaner für ein Problem eine Lösung suchen und die Deutschen fünf. Das liegt möglicherweise an der Sprache


Erst jetzt fragt sich die Bunderegierung, ob das Impfen von Kindern und Jugendlichen sinnvoll sei. Hallo? Ich habe das Gefühl, die schwere Last der Pandemie wird hauptsächlich auf die schwachen Schultern der Kinder und Jugendlichen geladen. Allein schon die Schultestpflicht war eine enorme Herausforderung. In der gesamten Geschichte der Menschheit hat der Staat noch nie so lange und eindringlich in Kindernasen gebohrt. Eine Freundin von mir, die Erstklässlerin, erzählte neulich, wie ihre Schule von dem Montagstest überrascht war. Jedes Kind sollte sich selbst das Stäbchen in die Nase stecken, mindestens 2 Zentimeter tief, heftig drehen und dann wieder rausnehmen. Und natürlich stellte sich die Frage, wohin mit den Popeln? Zum Glück hatte ihre Klasse einen Torsten, der schon früher gerne sein Popeln aufaß. Man kann über die ästhetischen Aspekte dieser Leidenschaft streiten, aber Geschmack ist nun mal Geschmack. Die Klasse hat ihn an einem Tag für ein ganzes Jahr im Voraus damit versorgt. Doch die Schwierigkeiten fingen damit erst an. Wenn ein Kind positiv getestet wurde, gab es Tränen und Geschrei, als würde das junge Leben zu Ende gehen. Damit ist bald Schluss. Momentan wird auf Lolli-Tests umgerüstet, zuerst in NRW, bald überall in Deutschland. Die Kids müssen nicht mehr mit den Stäbchen in der Nase bohren. Die Lolli-Tests werden 10 Sekunden von allen in der Klasse anonym gelutscht und ins Labor gebracht. Die Gruppe wird als Ganzes getestet, sollte unter den Kindern jemand Corona-positiv sein, geht die ganze Klasse unverzüglich in Quarantäne. Die Eltern werden nie erfahren, ob ihr Kind, oder das des Nachbarn ansteckend war. Dafür aber weint keiner mehr und alle freuen sich, außer Torsten.