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Die Lesereise geht weiter.Morgen bin ich in zakk, in Düsseldorf, am Montag und Dienstag lese ich auf Sylt.


In seinem Interview für die „Washington Post“ rief der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski alle westlichen Länder dazu auf, den Russen keine Visa mehr zu geben. Er sagte folgendes: „Russen sollen Europa nicht mehr besuchen dürfen, ganz egal was das für Menschen sind. Schicken sie alle umgehend zurück in die Heimat. Dann werden sie verstehen und sich gegen das Regime wehren. Heute sagen sie, wir haben nichts mit dem Krieg zu tun, wir unterstützen nicht die Regierung Putins. Hat etwa das Volk keine kollektive Schuld, keine Verantwortung dafür, was sein Land macht? Doch, denn dieses Volk hat diese Macht gewählt und schimpft nicht mit ihr, schreit sie nicht an, protestiert nicht.“

Den Vorschlag des ukrainischen Präsidenten haben die estnische Regierung und der finnische Premier sofort unterstützt. Die EU hatte nicht reagiert, doch die russischen sozialen Netzwerke kochten vor Wut. Die einen beschwerten sich, dass russische Touristen bereits jetzt zu einigen Objekten von großer kultureller Bedeutung, keinen Zugang mehr haben. So werden Menschen mit russischem Pass nicht ins Château de Vincennes bei Paris reingelassen. Dort saß der in Russland überaus beliebte Marquis de Sade seine Haftstrafe ab. Offiziell gilt das Schloss nach wie vor als Militärobjekt, dort werden die Archive des französischen Verteidigungsministeriums gehortet. Die russische Opposition hat es nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Ausland nicht leicht. Hunderttausende haben seit Beginn des Krieges ihre Heimat verlassen, sie versuchen in etlichen europäischen Ländern Antikriegs-Komitees zu gründen oder Kongresse des „Anderen Russlands“ zu organisieren. Sie werden von der europäischen Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen. Vor zwei Monaten stieß der Vorschlag des ehemaligen Schachweltmeisters Garry Kasparovs auf einem Kongress in Vilnius intern auf heftige Kritik. Er wollte das europäische Parlament dazu aufrufen, einen Europapass für die „Guten Russen“ auszustellen. Das heißt für alle jene, die gegen den Krieg sind und Putins Regime nicht unterstützen.

Sie sollten ähnlich wie Kriegsgeflüchtete anerkannt und mit entsprechendem Dokument ausgestattet werden, damit sie endlich ein Konto bei einer europäischen Bank eröffnen, eine Wohnung mieten und Arbeit suchen können.

Daraufhin hatte sich der Kongress unsäglich zerstritten. Wie gut sollen die „Guten Russen“ denn sein, um in Europa anerkannt zu werden? Sollte man sie nicht in „richtig guten“, „halb so guten“  und „Okay- Russen“ unterteilen, je nachdem, wie ihre politische Ansichten und Präferenzen sind? Und was ist eigentlich mit den Schlechten? Bekommen sie auch einen extra Pass? In diesen Streitigkeiten spiegelt sich die große Ohnmacht und die Verzweiflung der russischen Gesellschaft wider. Die Gütigkeit des Einzelnen kann standesamtlich nicht bescheinigt werden.  


Putin und Kyrill: Krieg gegen westliche Werte – Studio M – MONITOR

Russlands Krieg gegen die Ukraine ist auch ein Krieg gegen die freiheitlichen Wert des Westens. Zentral dabei: die Rechte von Homosexuellen und Transpersonen...

https://www.youtube.com/watch?v=0jOHHK8jcTE

In Gesprächen mit meiner Schwiegermutter stellte ich fest, die Wiederauferstehung unserer alten Heimat, der Sowjetunion, ist voll im Gang. Im russischen Radio haben sie eine Warnung gebracht, erzählte die Schwiegermutter, man soll keine im Ausland produzierten Haushaltsgeräte mehr kaufen, viele von ihnen hätten eine Abhörfunktion, sie sammeln Informationen und senden sie direkt an die westlichen Geheimdienste, um die russischen Bürger zu diskreditieren. Besonders die Waschmaschinen, Computer und Fernseher seien gefährlich. Man muss sich also vor der eigenen Waschmaschine in acht nehmen. Zum Glück werden die ausländischen Haushaltsgeräte nicht mehr importiert. Die Schwiegermutter hatte gesehen, wie die Nachbarn ihre in Deutschland produzierte Waschmaschine mit einer Decke verhängt haben, damit sie nicht spionieren kann. Gleichzeitig werde jedoch in der Nachbarschaft erzählt, die in Heimat gebaute Fernsehgeräte seien das sehende Auge des russischen Geheimdienstes. Sie wären neuerdings mit chinesischen Gesichtskennungsprogrammen ausgestattet und könnten genau erkennen, wer sich wie beim Zuschauen von Nachrichten verhält, wer Grimassen schneidet, wegguckt oder gar „Es lebe die Ukraine“ ruft. Deswegen, sagen die Nachbarn, solle man beim Verfolgen der Propagandasendungen gerade sitzen, nicht lächeln und ab und zu nicken, um seine Loyalität maximal deutlich zum Ausdruck zu bringen.

Das erinnerte mich an die sowjetischen Fernsehprogramme meiner Kindheit. Damals gab es nur drei Kanäle, aber noch keine Gesichtserkennung, im Ersten liefen Nachrichten und Sport, im Zweiten wurde über Erfolge der Landwirtschaft berichtet, im Dritten saß ein Uniformierter und drohte mit dem Finger: „Hör auf herumzuzappen!“ Die greisen Führer des Landes wollten mit aller Kraft ihre Jugend zurück, obwohl alle Welt weiß, man kann einen Fleischwolf nicht rückwärts drehen, aus einer Boulette wird kein Rind. Die Wiederauferstehung funktioniert meistens nicht, und wenn doch, dann nur für eine kurze Zeit. Die Menschen versuchen es immer wieder. Einmal hat es geklappt, vor über 2000 Jahren. Es war ein junger Mann, der nach seiner Kreuzigung wieder zum Leben erweckt wurde. Er weilte nur ganz kurz auf Erden, nach ein paar Tagen verschwand er. Heute ist die Wissenschaft weiter gekommen, man kann inzwischen mit Waschmaschinen Informationen sammeln und zum Fernseher schicken, wo sie ausgewertet werden und im Falle einer negativen Bewertung zum sofortigen automatischen Ausschalten des Kühlschranks führen, aber die wiederauferstandene Sowjetunion wird ähnlich wie die Wiederauferstehung vor 2000 Jahren nicht lange dauern. Ich tippe auf drei Tage.


Personalmangel, wohin das Auge blickt. Selbst im Bundestag ist die Hälfte aller Stühle nicht belegt. Deutschland versteckt sich im Homeoffice. Wir erinnern uns, es hat den Staat und den Unternehmen viel Mühe, Überzeugungskraft und Geld gekostet, die Menschen zu überzeugen, mehr Zeit zuhause zu verbringen. Es gab viele Berufe, bei denen Arbeit im Homeoffice gar nicht in Frage kam. Flughafenpersonal konnte von zuhause aus nicht arbeiten, höchstens bei der eigenen Familie in die Koffer gucken. In der Gastro wurden die Mitarbeiter massenhaft zur Weiterbildung in der eigenen Küche entlassen, die Pfleger konnten nur sich selbst pflegen. Die Büroangestellten empfanden es als Affront, dass auf einmal das Private und Berufliche zusammenschmolzen, ein Feierabendbier wurde zum Nachmittagsbier, wohin sollte das führen? Es war nicht leicht zu akzeptieren, dass die eigenen vier Wände nicht mehr der Ort für Spaß und Erholung sind und stattdessen zum Arbeitsplatz ausgebaut werden.

Wir sind träge, konservativ, aber auch anpassungsfähig. Einmal Blut geleckt im Homeoffice, wollte niemand mehr zurück. Es scheint für den Staat eine Sache der Unmöglichkeit, die Menschen wieder aus dem Home in das richtige Office zu schicken.  Etliche Unternehmen versuchen ihre Mitarbeiter mit verheißungsvollen Angeboten zu locken, mit kostenlosem Frühstück, mit neu renovierten Büroräumen, mit Yogakursen am Arbeitsplatz, alles vergeblich. Die Büros stehen leer.  Dabei ist die Arbeitslosigkeit gar nicht gestiegen, wenn man den Zahlen glauben darf. Menschen, wo seid ihr? Der Arbeitswelt fehlen Fachkräfte, fehlen Auszubildende, es fehlen genau genommen Alle. Ob in der Gastronomie, in der Pflege, in der Hotelbranche, in der Unterhaltungsindustrie, im Transportwesen, sogar Zoos beschweren sich über Personalmangel.  

Ich war neulich im Zoo, außer BesucherInnen waren kaum Säugetiere zu sehen, wegen der Hitzewelle hatten sich alle Tiere im Homeoffice versteckt, sie kamen aus ihren Häuschen nicht raus. Nur zwei exotische Vögel aus der Wüste Kalahari machten ihren rituellen Paarungstanz. Das Männchen kreiste um das Weibchen herum, stolperte dabei über seine eigenen Beine, das Weibchen rollte die Augen und wedelte mit den Flügeln, versuchte sich in ihrem Häuschen vor dem Partner zu retten, er zog sie immer wieder raus. Überall auf der Wiese lagen herausgerissene Federn, die Vögel schienen in einer Ehekrise zu stecken. Der letzte übrig gebliebene Tierpfleger klärte mich über das seltsame Verhalten der Vögel auf. In ihrer Heimat, der Wüste Kalahari, kommen sie nur wenn es regnet in Paarungslaune. Und in der Wüste Kalahari regnet es höchstens einmal im Jahr. Im Zoo regnet es jeden Tag, wenn der Gärtner die Sprenganlage anmacht, um den Rasen zu besprengen. Die Wassertropfen bringen das Männchen sofort in die Paarungsstimmung und obwohl ihn das Weibchen zu erinnern versucht, dass sie es schon gestern und vorgestern getan haben, ist er einfach nicht zu bremsen. Die Vögel sind verzweifelt und der Gärtner kann die Sprenganlage nicht an einem Ort abstellen. Wegen Personalmangel.  


Junge, ich bin seit 1979 unter Sanktionen, ich weiß, was kommt. Zuerst ist der große Tisch weg, dann der Anzug und die Diener. Irgendwann hast Du nur dein eigenes Bild an der Wand, das Dich schräg anlächelt. Wie wenig braucht der Mensch..


"Kaminer Inside: Passion Oberammergau" in 3sat

Mainz (ots) - Nachdem 2020 die Passionsspiele Oberammergau verschoben werden mussten, ist die Freude umso größer, dass die 42. Passion vom 14. Mai 2022 bis zum 2. Oktober 2022...

https://www.presseportal.de/pm/6348/5275695

Als Kind wurde ich jedes Jahr im Sommer zur Oma nach Odessa geschickt, die Oma sollte mich im Schwarzen Meer baden. Ich erinnere mich noch immer an ein großes Plakat aus der damaligen Zeit: „Odessa - das sozialistische Badeparadies.“ Heutzutage sind die Grenzen zwischen Hölle und Paradies fließend geworden. Es ist Krieg, die Stadt wird ständig unter Beschuss genommen, losgerissene Minen werden ans Ufer gespült, die Einheimischen gehen trotzdem baden. Frauen im Bikini und Mütter mit kleinen Kindern verachten die Warnungen der Soldaten. Die Patrouillen haben ein Netz am Strand aufgespannt, damit die Menschen nicht ins Wasser gehen, der Hafen ist vermint, die Minen können überall sein. Kaum sind die Soldaten weg, schleichen sich die Stadtbewohner unters Netz und ab ins Wasser. Im Internet kursieren unzählige Videos, wie die Soldaten mit den Bikini-Mädchen diskutieren. Geht nicht íns Wasser, sagen die Soldaten, das ist gefährlich. Es ist 24 Grad, sagen die Mädchen, die Sonne scheint und wir gucken schon nach links und rechts, wenn wir ins Wasser gehen, wir würden die Minen sehen. Es ist Krieg, könnt ihr nicht abwarten, bis er vorbei ist? betteln die Soldaten. Krieg hin oder her, sagt eine Mutter, mein Mann ist an der Front und wer soll dem Kind jetzt Schwimmen beibringen? Sie etwa? Die Soldaten rollen mit den Augen. Wir gehen ganz schnell rein und wieder raus, sagt die Mutter. Sehen Sie die Schwäne? Drei Schwäne schwimmen im Wasser. Die Vögel würden doch die Minen schon von weitem erkennen, wenn sie keine Angst haben, dann gibt es die Minen auch nicht, argumentiert eine alte weise Frau. Die Soldaten rollen erneut mit den Augen. Die Menschen am Strand wollen ins Wasser, egal ob Krieg oder Frieden, sie wollen leben. Dafür sterben die Delphine, sie haben ein sehr feines Gehör. Wenn es im Wasser knallt auch in Kilometer Entfernung, sterben sie. Immer mehr tote Delphine wurden an Land gespült, in der Ukraine, in Bulgarien sogar in der Türkei.  Und sogar dort haben die Menschen Angst vor losgerissenen Minen, die ans Ufer gespült werden könnten. Früher, berichtete mir ein Freund von dort, gingen die türkischen Familien am Strand in einer klaren Reihenfolge spazieren, vorne der Mann, dahinter die Frau mit Kindern. Jetzt läuft der Mann hinten, wegen der Minengefahr. Alle Völker am Balkan machen sich Sorgen um den Krieg, nur die Ukrainer scheinen sorglos zu sein, sie leben hier und jetzt und machen keine großen Pläne für die Zukunft.


Die ersten Monate in Deutschland hatten        wir, junge Geflüchtete aus Russland,        wenig Kontakte mit der Außenwelt. Die ersten Einheimischen, die        uns im Ausländerwohnheim        besuchten, waren die Zeugen Jehovas. Wir sollten sofort in ihren        Turm umziehen.        Fast zeitgleich mit den Zeugen kamen die Versicherungsvertreter,        die uns        erklärten, dass man in Deutschland ohne einer Haftpflicht, einer        Unfall, einer        Rentenversicherung niemals glücklich werden kann. Wir lachten        über die Versicherungsvertreter.        Wir hatten keine Arbeit, konnten die Sprache nicht, wir waren        schwer damit        beschäftigt unsere Gegenwart aufzubauen, wir hatten keine Zeit,        an die Zukunft        zu denken. Man soll erst die Probleme lösen, nach dem sie        auftauchen, sonst        wird man vor Angst in den Wahnsinn getrieben. Damals wussten wir        nicht, dass die        Zukunftsangst ein wichtiger Identifikationsmerkmal hierzulande        ist. Die        Vorsorge, das beruhigende Gefühl, dass einem nichts passieren        kann, egal was        kommt, wirkt wie die Bachbluten Tropfen, selig sind diejenigen,        die daran        glauben.

Die Zukunftsangst ist eine        Volkskrankheit der        Deutschen, laut aktueller Umfrage blicken nur 19% optimistisch        in die Zukunft.        Die anderen frühstucken am Rande der Apokalypse. Diese harmlose        Marotte kann leicht        gegen das Land wie eine Waffe angewendet sein, wir sehen das an        dem aktuellen Gaserpressungsversuch        der russischen Regierung. Alles, was der Kreml in der letzten        Zeit macht ist        von einer gewissen Debilität gekennzeichnet, der Zeitpunkt für        die        Gasterpressung ist denkbar unpassend gewählt, mitten in einem        sehr heißen        Sommer. Deutsche Gasreservoirs sind über 60% gefühlt, besser als        vor dem Krieg,        mit vorhandenem Gas können wir den Winter überstehen, mehr als        die Hälfte unseres        Stroms kommt aus erneuerbaren Energien, Tanker mit Flüssiggas        sind unterwegs,        und wenn es hart auf hart kommt, haben wir enorme Kapazitäten        bei AKWs und        Kohlkraftwerken in Reserve. Und Russland kann weder drei Monate        ohne        europäisches Geld den Krieg weiterführen noch diese 120        Milliarden Kubikmeter        Gas nach China oder nach Indien umsteuern, dafür brauchte es        einer neuen        Gasleitung. Russische Gasreservoirs platzen von nicht verkauftem        Gas.

Um weniger zu produzieren, müssten sie        die Hälfte        ihrer Gasvorkommen schließen, was teurer als Krieg führen ist.        Der        Erpressungsversuch ist ein Bluff. Und doch macht sich die        berühmte German Angst        breit. Unser Wirtschaftsminister aktiviert Alarmstufe II und        duscht jetzt nur        noch 3 Minuten statt 5. Die Bundestagpräsidentin möchte die        Klimaanlage im        Bundestag auf zwei Grad runterdrehen, alles wegen Putin. Das        ganze Land zittert        und friert jetzt schon, bei dreißig Grad im Schatten. Manchmal        kann eine kalte        Dusche für das Land sehr erfrischend sein.


Sommer in Brandenburg