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Die Welt von morgen schon heute.

Wir sitzen mit Mama und Kids auf dem Balkon, Vorderhaus erster Stock. Das Wetter ist perfekt, nicht zu kalt und nicht zu heiß, das vegane nepalesische Restaurant im Erdgeschoß ist knacke voll, der Geruch von gekochten Teigtaschen, Ananas und Desinfektionsmittel drängt in die Wohnung. Lustige Gesichter lächeln uns von den Straßenlaternen und Bäumen zu, sie wollen uns in die Zukunft führen, die nebelig ist. Deswegen formulieren sie auf ihren Plakaten möglichst undeutlich: Respekt, Kompetenz,  Sicherheit, aber normal, sozial gerecht aufstocken, zurück zur Normalität, gemeinsam in die Zukunft.

Direkt vor meinem Balkon steht etwas über die Autobahn 100. Wollen sie den Ausbau beschleunigen oder verhindern?

Meine Kindheit und Jugend fanden unter solchen nichtssagenden Plakaten statt, sie waren eine nie ausgehende Requisite, die uns im Alltag begleitete, sie hingen das ganze Jahr über an den Geschäften und Hausfassaden:  Mutig in die Zukunft, unser Ziel ist Kommunismus, Streichhölzer sind kein Kinderspielzeug, Fünfjahresplan in vier Jahren. Niemand hat sie kritisch hinterfragt, niemand regte sich auf, warum sollten wir diesen mysteriösen Fünfjahresplan in vier Jahren schaffen, und was machen wir dann das ganze fünfte Jahr? Autobahn ausbauen?

Allen war klar, unsere Regierenden taten nur so als ob, sie wollten die Welt nicht wirklich umbauen, vor allem aber mussten wir, Bürger, nichts tun, nur loyal sein und optimistisch grinsen. Es war nicht alles gut damals, aber irgendwie schon entspannter.

Heute leben wir in einer sehr komplexen Welt, die Angst macht. Industrielle Ökonomie mit ihrem vorgegebenen Lebenslauf: Du gehst einmal studieren und arbeitest bis zum Rentneralter, liegt im Ruin, alte politische Parteien stecken in der Krise, die Familie wird umstrukturiert, die Jugend zieht es vor, alles Mögliche gleichzeitig zu studieren, in Projekten zu arbeiten und in Kollektiven zu leben, beinahe täglich entstehen neue Identitäten, neue Gender, neue soziale Rollen. Millionen Menschen sind unterwegs, sie vermuten ausgerechnet in Deutschland einen besseren Ort, bringen ihre Kulturen, ihre Religionen, Bakterien, Viren mit. Dazu spielt das Klima verrückt.

Doch die Menschen von den Plakaten wollen beruhigend wirken.

Lehnt Euch zurück in den Sessel, ihr braucht uns nur zu wählen, wir schaffen das, niemand bleibt im Regen stehen, vorausgesetzt wir werden Minister. Natürlich sind das leere Versprechen. Die Plakate kennen die Zukunft nicht, die Kids aber, immerhin werden sie diese Zukunft aufbauen. Hey Kids, wie sieht die Zukunft aus? Wird die Autobahn aus- oder abgebaut? fragte ich auf dem Balkon. Du wirst dich wundern Papi, lachten sie.

Wir werden die Autobahn 100 um die Stadt mächtig ausbauen, mit zehn Fahrradstreifen in beiden Richtungen, Autos müssen raus aus der Stadt auch die selbstfahrenden Elektroautos werden sich nicht durchsetzen, sorry, so viel Strom haben wir nicht. Die Parteien werden abgeschafft, tut uns leid für Menschen auf den Plakaten, die Bürgerinnen und Bürger werden das Regieren übernehmen.

Das Amt der Bürgermeisterinnen wird jedes halbe Jahr von einer anderen Bürgerinitiative besetzt, in der alphabetischen Reihenfolge von: „ALvonSo“ (Arabische Lesben von Sonnenallee) bis Zynische Tierfreunde e.V.

In die leerstehenden Büroräume und ehemalige Gewerberäume des Einzelhandels ziehen Berliner Kommunen ein, Menschen, die sich nach Interessengruppen zusammentun und ihre „Wohn- und Arbeitsbüros“ als alternative Lebensentwürfe verwirklichen. In die Betonklotze der leeren Parkhäuser und in die pleitegegangenen Einkaufspassagen, die zu Kollateralschäden der Internetökonomie wurden, ziehen Landwirte ein, die Gemüse und Kunstfleisch ökologisch gerecht anbauen. Kohlenussteig wird sofort vollzogen. Die unzähligen Fitnessstudios werden zur freiwilligen Stromerzeugungsstätten umgebaut, wo die Menschen an Geräten trainieren, die gleichzeitig Strom für die Stadt (nicht für Autos!) produzieren können. Der Berliner Flughafen wird geschlossen. Wenn Gott wollte, dass die Menschen fliegen, hätte er ihnen Flügel gegeben.

Die Hertha BFC spielt erfolgreich in der Frauenfußball Bundesliga in der Mitte der Tabelle, sie behauptet sich sogar gegen die BorussInnen Dortmund und WerderInnen Bremen. (Im Siegeszug des Gleichberechtigungskampfes wird Fußball ein von Frauen dominiertes Spiel sein, aufgrund der sinkenden Einschaltquoten werden Männer einige Sportarten zugunsten der Frauen aufgeben und sich auf Dart, Gymnastik mit Band und Synchronschwimmen konzentrieren.) Die Berliner Küche hat eine ruhmvolle Zukunft, sie wird überall auf der Welt, aber besonders in China hochgeschätzt. Die Deutschen werden nämlich Paneurasisch kochen, ein typisches Gericht dieser Küche wird die berühmte Berliner Pho Suppe sein, mit Falafelnudeln und Tofu - Currywurst. Die türkischen Läden bieten fleischfreie Döner mit Melone und Salat an, die Russen drehen RussianSushi: Reistaschen mit Salzgurke und Schnaps.

Und ich? Was mache ich in dieser schönen neuen Welt? hackte ich nach. Nichts, meinten die Kinder. Du sitzt weiter auf dem Balkon und erzählst, früher war alles besser.


Tapfer und entschlossen gehe ich auf Lesereise mit dem zweiten Band meiner Corona-Trilogie “Die Wellenreiter”


Ich bekomme permanent Gänsehaut, wenn ich bei Google die Nachrichten aufrufe: Putin führt einen stillen Krieg gegen Europa, Situation in Afghanistan eskaliert, Mauerpark in Berlin wird immer gefährlicher und Deutschland steckt in einer Komplexitätsfalle. Gott sei dank ist nicht alles schlecht. Zwischendurch küsst Herr Wendler seine Laura, muss aber sofort danach sein Haus in Florida verkaufen, sie küsst ihn zurück und postet Herzchen auf Instagramm, die Welt ist also noch nicht ganz verloren, solange es noch die wahre Liebe gibt. Meine Mutter liest inzwischen auch Nachrichten nur im Netz, sie ist allerdings in der russischen Nachrichtenwelt beheimatet, und die Russen hatten schon immer ganz andere Nachrichten als der Rest der Welt.  Mamas Nachrichtenwelt unterschiedet sich auffällig von meiner, als würde Mama nicht im gleichen Haus leben, sondern auf einem anderen Planeten. Jedes Mal staune ich, wenn wir uns zur Lage der Welt austauschen.  Der ehemalige Solist von Bolschoj leitet nun eine neue Tanzschule in St. Peterburg für besonders begabte Kinder, „Krieg und Frieden“ gibt es jetzt als  Ballett  und thailändischer Gurkensalat wurde vom internationalem Kochkomitee offiziell als gesundeste Speise der Welt anerkannt. Ich würde gern in Mamas Welt umziehen, die hauptsächlich aus Ballettpremieren und Rezepten für Gurkensalate besteht. Nur selten werden dort von schnurbärtigen russischen Politologen drei wirklich wichtige Fragen der internationalen Politik beleuchtet: Warum sind die Amerikaner dumm, wo steckt Greta und wieso Taliban kein Corona hat, obwohl sie sich nicht impfen lassen. Ich verstehe natürlich, dass wir beide von den hinterhältigen Algorithmen an der Nase herumgeführt werden. Die verschiedenen Nachrichten werden uns aufgetischt, weil wir einmal draufgeklickt haben. Seitdem kocht uns der Algorithmus sein Beruhigungssüppchen und Wendler ist das, was  Gurkensalat bei Mama ist.  Die wahren Nachrichten werden wir nie erfahren.


Programm

FOLGT UNS

https://outside-leipzig.de/programm/



Kaminer Inside

Die Vorstellungen von Heimat von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Mensch zu Mensch.

https://www.3sat.de/kultur/kaminer-inside?fbclid=IwAR0G8gQeeCOqP7ULQ4dEaIIA0ZYuVNIdkGeESaziO8KoeBzFWDF8oiGOiNw

Nach dem ersten Schock sind sich internationale Medien einig, die neuen Taliban sind viel besser als die alten Taliban, es gab für die Einheimischen überhaupt keinen Grund, sich unter das Fahrwerk der ausländischen Flugzeuge zu schmeißen. Die alten Taliban, die waren richtig schlimm, unverbesserliche Extremisten.  Die neuen sind eigentlich ganz nett, weltoffene freundliche Fanatiker, die für Wohlstand und Gerechtigkeit sorgen wollen. Natürlich muss man abwarten, wie ernst den neuen die Sache mit Scharia ist,  sagen die europäischen Minister,  aber versprechen tun sie jetzt schon viel: Jedem Mann einen Esel, jeder Frau eine Burka, jedem Kind eine Kalaschnikow.    


Der Weltbiodiversitätsrat, fordert, wir sollen dringend aufhören, Tiere zu halten, weil weniger Tiere weniger CO2-Ausstoß bedeuten. Das Problem ist, wir können auf Tiere nicht verzichten, auch wenn wir sie nicht mehr essen werden.
Die Hühner werden zum Beispiel bei dem Managementtraining aktiv eingesetzt, um Führungsqualitäten der Teilnehmer zu prüfen. Wenn die angehenden Manager es schaffen, dass die Hühner ihnen zuhören, werden es die Menschen vielleicht auch tun.  Die Hühner spüren den Führungswillen. Sie sagen es bloß nicht, aber sie starren die Manager ganz streng an.
Die Katzen sind gut fürs Herz, wenn man sie mit der linken Hand streichelt, wenn mit der rechten, dann nutzt es der Verdauung.
Die Pferdetherapie ist das Highlight in den Entzugskliniken Brandenburgs. Es gilt als bewiesen, dass der Entzug sanfter verläuft, wenn die Alkoholiker reiten. Ziegen und Schafe werden an vielen Orten als Orakel verwendet, man darf sie für schlechte Prognosen sofort bestrafen. Tiere machen für uns sogar Kunst. Neulich in Österreich, in St. Martens Therme erlebte ich eine kleine Sensation, den malenden weißen Esel. Es war den Mitarbeitern aufgefallen, dass der Esel immer wieder Stöcke aufhebt und dann im Maul auf und ab schwingt. Also haben sie ihm einen Pinsel und Farbe gegeben und eine Leinwand hingestellt. Die Eselsbilder sind mittlerweile sehr teuer, die Kunstkritiker streiten über die Frage was genau der Esel malt, was diese bunten Flecken zu bedeuten haben. Ist das unsere im Chaos versunkene Welt oder malt der Esel uns? Denn möglicherweise ist unsere Aufgabe gar nicht die Welt zu retten, sondern für einen Esel Modell zu stehen.


Kaminer & Die Antikörpers « Kulturbrauerei

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