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In der pandemiebedingten Selbstisolation hat meine Mutter beinahe übernatürliche Kräfte entwickelt. Sie spielt Schach gegen Computer und gewinnt fast immer, weil der Computer die Geduld verliert, auf den Zug meiner Mutter zu warten und sich automatisch ausschaltet. Das wertet Mama als Computers Niederlage auf. Neulich saßen wir beim Frühstück, sie prahlte mit ihrer hervorragenden geistigen Verfassung, dass sie die Sudokus inzwischen mit geschlossenen Augen lösen könne und für die russischen Kreuzworträtselhefte, die sie seit drei Jahrzehnten in Deutschland abonniert, brauche sie nicht einmal fünf Minuten. Es sind aber auch immer die gleichen Fragen, seit dreißig Jahren, die gleichen plumpen Fragen, beklagte sie sich. Jedes Kind wisse doch „Wie heißt das Gerät zur Durchleuchtung der Eierqualität?“

Wie bitte? Ich verschluckte mich beinahe an meinem Frühstücksei.

Was für ein Gerät, Mama?

„Das Gerät zur Durchleuchtung der Eierqualität“.

Was soll denn das sein? fragte ich.

„Erinnerst Du dich nicht mehr? wunderte sich meine Mutter. „Das stand doch bei uns in Moskau in jeder Kaufhalle.“

Das hat mich ehrlich gesagt, überrascht. Ich weiß noch genau, wie unsere Kaufhalle ausgesehen hat, links vom Eingang war die Tomatensaftleitung mit einem Salzbecher auf dem Tresen, rechts die Kartoffelabwurfspirale. Wo fand die Eierdurchleuchtung statt? Geradeaus links, hinter der Mehl-Abteilung, erinnerte sich meine Mutter. Da konntest Du deine frisch gekauften Eier drauflegen und unten einen Knopf drücken, dann wurden sie durchleuchtet mit einem starken weißen Licht, man konnte sehen, was in den Eiern drin ist - ob sie klar oder trüb waren. Aber wahrscheinlich wurden die Geräte noch vor Deiner Geburt abgebaut, Du bist noch zu jung, am Dich daran zu erinnern“ Ich nickte. Bei russischen Kreuzworträtseln hatte ich keine Chance.


Wir haben das Virus nicht besiegt, keine Immunität und kein Impfstoff entwickelt, aber Urlaub muss sein. Weltweite Reisewarnung wird aufgehoben. Die Chinesen und die Amerikaner bleiben in diesem Sommer Zuhause, unter Hausarrest. Die Russen auch. Der frisch genesene russische Premierminister empfahl seinen Landsleuten erst einmal vor Reisen ins Ausland abzusehen, was innen nicht schwer fallen darf, die Grenzen auf beiden Seiten sind zu. Aber auch in Gedanken sollen sie das Ausland besser meiden, meinte der Premierminister. Ausnahme sind russische Truppen, die in nahem und fernem Ausland auf die Einheimischen schießen, in Syrien, Libyen und in der Ostukraine. In der Ukraine sorgen die geschlossenen Grenzen dafür, dass hunderte Leihmütter auf ihren Babys sitzen bleiben, die Eltern aus 35 Ländern können ihre bestellten und in der Ukraine ausgetragenen Babys nicht abholen. Mallorca macht auf. Montenegro hat sich zum ersten virusfreiem Land Europas erklärt. 31 Länder in Europa und Umgebung samt britische Inseln öffnen ihre Grenzen für einander, bleiben allerdings weiter bei den geltenden hygienischen Konzepten d.h. Abstand zwischen den Grenzen mindestens 1,5 Meter, keine Küsschen außerhalb des eigenen Haushaltes, Hände schütteln ist verpönt. Polen wehrt sich gegen Grenzeröffnung „Wir haben keine Infizierte so soll es auch bleiben“ Ostsee wird zwei Mal am Tag desinfiziert, alle Fische müssen raus und dann wieder rein. Brandenburg lockert auf Bewährung. Auf dem Foto: Die Weißrussen wussten schon immer, nichts ist besser wie Heimat.


Wir wissen, dass wir nichts wissen. Wir tasten uns vorsichtig durch die neue Realität, an manchen Stellen fühlt sie sich fast wie die alte an. Dort wo die Leidenschaft und die Verwirrung aufeinandertreffen, entstehen Verschwörungstheorien. Erstaunlich wie unterschiedlich sie in jedem Land sind. Die deutschen Verschwörungstheoretiker ahnen, etwas Böses will dieses wunderschöne Land unterwandern, um uns zu manipulieren, unseren Konsum zu kontrollieren, denn wer das Konsumverhalten der Deutschen kontrolliert, dem gehört das Land. Wir lassen das nicht zu, ganz egal wer dahintersteckt, die US - Banken, der Windowserfinder, die WHO, das RKI, Lotto-Toto oder die Stiftung Warentest.

In der Türkei ist die vorherrschende Verschwörungstheorie, dass die Homosexuellen dahinterstecken. Aus irgendeinem Grund mögen sie vor allem die Türken besonders, vielleicht weil sie so temperamentvolle und offene Menschen sind. Die russischen Verschwörungstheorien sind besonders tragisch.

Die Öl-Preise sind im Keller, die Menschen, die nicht bei der Öl und Gasindustrie beschäftigt sind, seien nur ein zusätzlicher Ausgabeposten für den Staat, der wie ein Großkonzern regiert wird. Es kriselt da oben gewaltig. Und was tut man in einem Unternehmen, wenn Krisenzeiten drohen? Ganz richtig: Personalabbau. Mir gefallen die deutschen Verschwörer am Besten, denn sie geben die Hoffnung, das unsere kranke, arme, kaputte Welt noch nicht allen egal ist. Die Bösen wollen uns haben! Auf diese Weise werden das Land und das Volk aufgewertet, ein gutes Zeichen für die Zukunft.

Egal wer das sein mag, Bill Gates, Lotto-Totto oder die Stiftung Warentest: Ich möchte Euch zurufen, kommt endlich heraus aus eurem Hinterhalt, kommt ans Licht! Und stellt eure Forderungen, man kann über alles reden, ich bin sicher, wir kommen zusammen.


Der neue Hit am Montag- Diese kleine lustige Musikpause zwischen dem ersten und zweiten Lockdown widme ich #Donald Trump,...

https://youtu.be/egg4QK1fLoM

Prosit!

Inzwischen fragen sich viele, vielleicht ist diese neue Normalität gar nicht so abwegig, sondern völlig normal? Vielleicht hat uns das Mädchen Greta durch den bösen Blick damals gar nicht verhext, sondern gerettet?
Wir fahren weniger Auto, wir kaufen weniger ein und verbringen mehr Zeit Zuhause. Viele lernen ihre Familien neu kennen, die Umwelt erholt sich. Es wird einem ganz mulmig ums Herz, wenn er in den alten Hollywoodfilmen
sieht, wie unvorsichtig die Menschen sich früher benahmen, ausgelassen feierten und tanzten, ohne Abstand zu einander zu halten, mehr als sechs Personen in einem Raum. Aus heutiger Sicht unvorstellbar, fremde Menschen umarmten einander und einige küssten sich sogar direkt ins
Gesicht, auf den Mund im wahrsten Sinne des Wortes. Im Museum bewegten sich die Besucher in großen Gruppen von Bild zu Bild, von Plastik zu Plastik und schauten sich die Figuren an, die sich wie Rodins Denker ins
Gesicht fassten. Im Sommer lagen die Menschen dicht nebeneinander am Strand, im Winter saßen sie aneinandergedrängt im Kino wie Heringe in
der Dose und haben alle gleichzeitig laut gelacht ohne Mundschutz direkt auf die Glatzen in der Reihe vor ihnen. Und die Konzerte in der Philharmonie? Ein kollektiver Selbstmord! Die ganze Risikogruppe versammelte sich vollzählig wie zum Schafott, alle gingen in der Pause durch die gleiche Tür rein und raus und haben noch frisch gezapfte Getränke konsumiert.
Was war das für ein kindisches Verhalten? Woher dieser Leichtsinn, die fehlende Selbstdisziplin? Schritt für Schritt bauen wir die alte Welt ab und eine neue auf. Ab Montag ist zum Beispiel Bier vom Fass an der frischen Luft wieder möglich. Die Bayern dürfen in die Biergärten,
natürlich maskiert und unter strengen Auflagen, nicht mehr als fünf Personen am Tisch. Der Präsident des Bayerischen Brauerbundes versicherte der PH-Wert des Biers ist für das Virus schädlich, das Kleine würde buchstäblich darin ersaufen. Die Menschen sind trotzdem
vorsichtig. Inzwischen scheint sich ganz Deutschland in zwei Kategorien aufgeteilt zu haben, so kenne ich das aus meinem Bekanntenkreis. Die einen haben eine Leidenschaft für Virologie entdeckt, sie sind Hobbyvirologen geworden und entwickeln über den Tag immer neue hygienische Konzepte, die ihnen bei der Bewältigung ihres Alltags helfen
sollen. Die anderen, wie meine Cousine, fühlen sich wie Supermann bzw. Superfrau, sie sind der Meinung, sie hätten bereits symptomfrei oder mit mildem Verlauf Corona überstanden und dadurch eine Freikarte in die
neue wunderschöne Welt bekommen. Sie können praktisch machen und tun was sie wollen, sie sind immun, aber aus Solidarität mit den anderen und als Zeichen sozialer Disziplin ziehen sie auch Masken und wenn nötig sogar
Handschuhe an. Sie wollen nicht, dass der Eindruck entsteht, wir hätten jetzt schon eine Zweitklassengesellschaft bekommen, mit dem Antikörper- Supervolk auf der einen und abgehängten Risikogruppen auf der anderen Seite.
Alle diese Gruppen wollen nun in die Biergärten. Nur sind die Virologen extrem vorsichtig. Ihr Vorbild, der Chefvirologe Drosten, betonte mehrmals im Fernsehen, man solle eigentlich nie Bier vom Fass trinken,
weil man nie genau weiß, wie gründlich und ob überhaupt die Biergläser gespült worden seien. Zur guten Tradition der Biergärten gehört aber schon immer das Recht der Gäste, ihre mitgebrachte Brotzeit aus Plastikkörben unappetitlich zu verzehren, es kann also jeder mit eigenem
Essen in den Biergarten gehen. Warum darf der Gast nicht sein eigenes Bierglas mitbringen? Und sein eigenes Bier eigentlich auch, aber so weit wollen wir nicht gehen. Ich erinnere mich noch, wie meine Landsleute
während der Olympischen Spiele 1980 in Moskau mit den eigenen Biergläsern zu den Bierautomaten gingen. Wir hatten damals ungewöhnlich viele ausländische Gäste aus Asien und Afrika, die offizielle sowjetische Meinungsmache ging dahin zu sagen, es seien möglicherweise auch Kranke dabei, die inoffizielle Volksstimme behauptete, es wurden
mehrere Ausländer mit den Biergläsern aus den Automaten gesichtet, die diese Gläser nicht zum Trinken benutzten. Die Sowjetunion war damals ein abgeschottetes Land, alle Grenzen waren zu wie heute in Deutschland
auch, man wusste zu wenig darüber, was uns die Besucher aus fernen Ländern außer Kaugummi und Jeans für Geschenke mitgebringen würden, welche Bakterien, Viren, Pilze. Also ist man für alle Fälle mit dem eigenen Bierglas zum Bierautomaten gegangen. Nun sind die Biergärten in
Deutschland, besonders in Bayern, Ausdruck der Geselligkeit, bei einem Biergartenbesuch geht es nicht so sehr ums Trinken, sondern ums Zusammensitzen mit den anderen gemeinsam etwas tun. Und die Biergärten
in Bayern waren seit ihrer Entstehung im XIX Jahrhundert nie zu. Ob Krieg, Revolution, Brand oder Überschwemmung, egal welcher Feind kam, ob Preußen, Franzosen oder Amerikaner, Pest oder Cholera, die Biergärten blieben immer offen. Selbst wenn die Außerirdischen unseren Planeten mit
bösen Absichten angreifen würden, oder in Folge des Klimawandels die Sonne auf die Erde krachte, der Bierausschank im Freien bliebe. Der Bierfluss gehört zum natürlichen Lauf des Lebens. So lange das Bier
fließt, kann uns nichts passieren. Also gehen wir raus an die frische Luft, winken einander zu, und sagen prosit! Selbstverständlich in gebührendem Abstand zueinander und mit dem eigenen Zweiliterglas, wer es hat.


Sergey trifft: Wladimir Kaminer und Idil Baydar aka Jilet Ayse

Comedy event in Berlin, Germany by Sergey Lagodinsky on Friday, May 15 2020 with 393 people interested and 50 people going.

https://www.facebook.com/events/2709751952639753/

Die Welt wird nie wieder sein wie früher. Bild via Popov


https://youtu.be/9PIzEBJvyzY

Der neue Hit am Montag!!!

mit Yuriy Gurzhy und Wladimir Kaminer und Anna Margolina
Video: @Boris Gurzhy


https://youtu.be/9PIzEBJvyzY


Heute ist in Russland Jesus auferstanden. Alle sitzen Zuhause ohne Geld und ohne Hoffnung der Himmel ist zu, der Staat favorisiert Bürger mit Antikörper, zahlt extra viel Geld für Blutspende mit Antikörpern, es darf nur raus, wer Antikörper hat, doch sie hat keiner, die alten Körper müssen auf ihre Tauglichkeit getestet werden, vor dem Test darf man 24 Stunden nichts essen und die Tests gibt es nicht genug. Es bleibt nur eins, warten. Sie dürfen mit dem Hund bzw. Esel kurz um das Haus aber nur mit QR, QR-Codes funktionieren nicht, Lazarette sind überfüllt, unsere Toten stehen nicht auf, nur er, er allein.