Wladimir Kaminer

Deutschland und Russland waren mit tausend Fäden verbunden, mit gemeinsamen Kulturprojekten, nicht nur durch Lieferungen von Öl und Gas. Erasmus - Programme, Studentenaustausch, kollektiv geplante Ausstellungen, Kulturfestivals, Gastspiele und Konzerte, sie alle waren mit Beginn des Krieges zum Stehen gekommen, in Kooperation mit Russland begonnene Filmproduktionen konnten nicht zu Ende gedreht oder dürften nicht mehr gezeigt werden. Fühlen Sie sich als russischer Autor gecancelt? wurde ich oft gefragt. Ich bin eigentlich ein deutscher Autor, ich habe nie auf Russisch geschrieben, musste aber in dieser Situation eine für mich neue Rolle des nicht gecancelten Russen übernehmen.

Als solcher war ich nach Dresden eingeladen, in die sächsische Landesbibliothek. Sie war einer fake-news Kampagne zu Opfer gefallen. Irgendjemand hatte sich den Spaß erlaubt, eine Annonce anzufertigen und im Netz zu verbreiten, die Landesbibliothek würde die Bevölkerung aufrufen, die Bücher russischer Autoren zu Heizzwecken in der Bücherei abzugeben. Ein langer kalter Winter stehe uns bevor, hieß es auf dem Zettel, wir brauchen die Russen nicht zu lesen. Dafür könnten die LeserInnen Bücher deutscher Autoren bekommen. Es hörte sich unglaubwürdig an, allein schon die Vorstellung, dass es irgendwo im Inneren dieser Bibliothek einen Heizungskeller mit einem großen Ofen gäbe, wo zwei BibliothekarInnen im Schweiße ihres Angesichts Tag und Nacht Bücher ins Feuer schaufeln war skurril. Doch was sich wie ein blöder Witz anhörte wurde von vielen LeserInnen ernst genommen. Die Leitung der Bibliothek hatte tausende Mails erhalten, wurde mit wüsten Beschimpfungen und Drohungen konfrontiert. Mich wunderte es nicht, ich wusste nicht vom Hörensagen, dass es in jedem ostdeutschen Haushalt ein Buchregal mit Büchern russischer Autoren gibt, jeder hat einen Tschingis Aitmatow, einen Gogol und einen Bulgakow im Schrank stehen, und obwohl der erste aus Kirgisistan kam und die anderen beide aus der Ukraine stammen, waren sie aus der Sicht der DDR Bürger allesamt „russische Autoren“.

In der DDR konnte man russische Bücher im Original kaufen, die man unmöglich in einem Buchladen in Moskau finden konnte. Die wenigen sowjetischen Touristen, die in die sonnige DDR zu Besuch kamen, nahmen neben dem Eierlikör und Teewurst einen Stapel Bücher in die Heimat mit. Mit der Zeit wurden diese Bücher zum Teil der ostdeutschen Identität. Die Landesbibliothek hatte eine Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet und mich als russischen Autor zum Gespräch eingeladen, um zu zeigen, dass sie russische Autoren nach wie vor mag. Besorgte Menschen fragten mich, ob die Literatur die Welt zum besseren ändern kann. Nee, sagte ich, kann sie nicht. Sie kann höchstens ein paar Menschen zum Nachdenken bewegen und ihre Sicht auf ein paar Dinge ändern. Ich bin mir sicher, es werden über unsere verrückte Zeit viele Romane geschrieben, ich schreibe vielleicht auch eins.


Die Kreuzfahrer

Ein Kreuzfahrtschiff ist eine ganz eigene Welt. Der Reisende betritt eine schwimmende Oase des Glücks mit Bar, Tanzabenden und dem reibungslosen Übergang von einer Mahlzeit zur nächsten. Und natürlich mit jeder Menge neuer Bekanntschaften. Aber auch an Land gibt es viel zu entdecken: von Putin-Schokolade in St. Petersburg, über falsche Götter auf der Akropolis bis zu verrückten karibischen Taxifahrern. Und wer könnte schöner davon erzählen als Wladimir Kaminer, Kreuzfahrer aus Leidenschaft? 

Taschenbuch | 224 Seiten | Januar 2020 | ISBN: 978-3-442-48980-0

Armee
13:15
Bahnhof Lichtenberg
5:50
Berlin
3:25
Berliner Aberglaube
3:27
Berliner Dialekt
4:32
Blut auf der Schönhauser Allee
4:31
Boney M
4:53
Boom, Baby Boom
5:10
Bücher aus dem Container
5:11
Chartuscho
7:31
Das Leben ist Bewegung
4:41
Das syreralistische Komitee zur Rettung der Welt
8:29
Dein Schatz, mein Schatz
3:44
Der Enkel des Partisanen
7:49
Der Fahneneid
9:03
Der Flaschenfisch
4:35
Der Kremlweihnachtsmann
7:26
Der Kühlschrank meiner Schwiegermutter
7:55
Der Russe lacht nicht
10:25
Der siebte Tibeter
4:29
Der Sinn des Eisfisches
7:40
Der Traumfänger
7:40
Dicke Sterne
13:36
Die Cottbuser Zukunft
6:51
Die Gender-Theorie und ihre Präsenz im Alltag
14:22
Die Helden des vorigen Jahrhunderts
7:48
Die Karottendiät
6:02
Die Läuse der Freiheit
5:56
Die Sprachkompetenz
5:04
Die Syrer packen aus
6:11
Die Telebrücke
5:42
Die Wassermelonenzeit
5:32
Döndü
4:03
Echte Russen
5:48
Ein Haus am See
9:01
Eintausend Chinesen
6:25
Epilog
2:37
Europas besserer Teil
21:01
Gagarin
4:34
Geologen
8:30
Gespräche über die Ewigkeit
4:10
Hölderlin und Hoffmann
9:15
Ich bin kein Berliner
8:06
Kafka, Konsalik und ich
4:32
Karl Friedrich
5:30
Kleine Schnecke
8:14
Kottbusser Lamm
8:23
Krim
11:37
LaGeSo
6:14
Lass uns Rennen, lass uns Reiten
14:00
Meine Frau und der Marder
9:00
Menschenrechte
3:39
Nachwort
2:36
Neue Heimat
9:35
Pheromone
4:33
Projektwoche Flüchtlingshilfe
7:12
Quittenschnaps Weikersheim
8:31
Schlechte Vorbilder
6:34
Schöne Frau, alles gut
7:22
Schröders Ruh
6:53
Schwiegermutter
4:55
Syrer in der Traumfabrik
13:58
Tolstois Bart
5:08
Tschechows Schuhe
9:29
Unbekannte fliegende Objekte
5:27
Unerwarteter Besuch
8:17
Väter und Söhne
8:36
Vegetarier an der Bushaltestelle
10:29
Verfehltes Paris
9:36
Weinanbau im Nordkaukasus
4:36
Wettbewerb
7:11