Wladimir Kaminer

Die Russen feiern ihren Männertag am 23. Februar, dem ehemaligen Tag der sowjetischen Armee und der Flotte. In meiner Kindheit mussten an diesem Tag die Mädchen in der Schule den Jungs ein kleines selbstgebasteltes Geschenk überreichen, einen kleinen gemalten Panzer oder einen Gutschein für einen Kuss auf einer Postkarte, immerhin waren die Jungs zukünftige Soldaten, während die Mädchen nicht in die Armee gehen dürften. Dafür bekamen die Mädchen zum Frauentag am 8 März gemalte Blümchen und Kekse. Nach dem Untergang der Sowjetunion und der Umbenennung der dazugehörigen Armee wurde auch der Männertag umbenannt, er hieß auf einmal „Tag der Verteidiger des Vaterlandes“, ist aber trotzdem als Männertag im Bewusstsein der Bevölkerung geblieben. Meine Tochter hat mir zum Männertag einen Gutschein geschenkt, für ein Café um die Ecke, das seit einem Jahr zu hat.  Ich habe mich über den neuen Gutschein natürlich gefreut, ich habe eine Menge davon während der Pandemie gesammelt, sie hängen auf meiner Wandtafel im Arbeitszimmer als Erinnerungszettel, kleine Papierschnipsel, die einen Schein der Hoffnung verbreiten, dass es noch ein Leben nach der Pandemie gibt: Theaterkarten von verschobenen Premieren, die ihre Gültigkeit selbstverständlich behalten, Tickets für Konzerte, die nicht stattgefunden haben, Gutscheine für Cafés und Restaurants, die zugemacht haben. Ich schmeiße sie nicht weg. Sollte unser Leben zu einer einzigen Quarantäne werden, machen wir Zuhause eine Gutschein -Ausstellung, habe ich meinen Freunden neulich erzählt. Wir saßen gestern mit dem Nachbar und Kindern in der Küche, tranken Wein und tauschten uns darüber aus, wer welche Gutscheine für die Zukunft hat.

Ich habe noch immer zwei Flugtickets von den Flügen, die ich nicht antreten konnte, gab meine Tochter an. Mit Ryan Air nach Riga und mit EasyJet nach Bulgarien. die werden vielleicht doch noch irgendwann wieder fliegen, oder? meinte sie. Ich habe die Karten für Splash, das abgesagte Rap-Festival, erzählte mein Sohn, im Netz steht, das Festival findet auf jeden Fall im Sommer statt, es steht nur nicht, in welchem Sommer.

Und wir, sagte mein Nachbar, wir haben noch Karten für ein Konzert von Leonard Cohen. In der Schlosskirche in Altlandsberg. Spätestens nächstes Jahr werden sie eingelöst. Betretenes Schweigen breitete sich in der Küche aus. Ich verschluckte mich am Wein. Natürlich ist Optimismus eine gesunde Lebenseinstellung, doch ein wenig Demut kann auch nicht schaden. Immerhin ist Leonard Cohen schon vor fünf Jahren gestorben und hat seitdem keine Konzerte mehr gegeben.  Es war natürlich nicht auszuschließen, dass der Gute jetzt irgendwo auf einer Wolke über dem Himalaya seine Songs für die musikliebenden Seelen von Christen und Buddhisten zum Besten gibt . Doch für diese himmlischen Konzerte war mein Nachbar noch eindeutig zu jung. Wann habt ihr denn die Karten gekauft? Und wo? fragten wir vorsichtig. Ihr wisst doch, dass Leonard Cohen vor langer Zeit in Amerika gestorben ist. Und selbst wenn er nicht gestorben wäre, hätte er doch nie in der Schlosskirche in Altlandsberg gespielt. Warum nicht? führte mein Nachbar unbeirrt weiter aus. Die haben eine Superakustik. Wir waren dort schon bei einem Beatles- und einem Abba-Konzert, nur mit Leonard Cohen hat es nicht geklappt, das Virus hat die Kirche dicht gemacht. Ich zeige ihn Euch auf Youtube, sagte er. Alle am Tisch atmeten erleichtert auf, Es handelte sich also um eine Tribute-Band. Der German Cohen sah gut aus, war aber um die 70, hatte also eine Arschkarte: reif für die Risikogruppe, zum Impfen aber noch nicht alt genug. Hoffentlich passt er auf sich auf.


Die Kreuzfahrer

Ein Kreuzfahrtschiff ist eine ganz eigene Welt. Der Reisende betritt eine schwimmende Oase des Glücks mit Bar, Tanzabenden und dem reibungslosen Übergang von einer Mahlzeit zur nächsten. Und natürlich mit jeder Menge neuer Bekanntschaften. Aber auch an Land gibt es viel zu entdecken: von Putin-Schokolade in St. Petersburg, über falsche Götter auf der Akropolis bis zu verrückten karibischen Taxifahrern. Und wer könnte schöner davon erzählen als Wladimir Kaminer, Kreuzfahrer aus Leidenschaft? 

Taschenbuch | 224 Seiten | Januar 2020 | ISBN: 978-3-442-48980-0

Armee
13:15
Bahnhof Lichtenberg
5:50
Berlin
3:25
Berliner Aberglaube
3:27
Berliner Dialekt
4:32
Blut auf der Schönhauser Allee
4:31
Boney M
4:53
Boom, Baby Boom
5:10
Bücher aus dem Container
5:11
Chartuscho
7:31
Das Leben ist Bewegung
4:41
Das syreralistische Komitee zur Rettung der Welt
8:29
Dein Schatz, mein Schatz
3:44
Der Enkel des Partisanen
7:49
Der Fahneneid
9:03
Der Flaschenfisch
4:35
Der Kremlweihnachtsmann
7:26
Der Kühlschrank meiner Schwiegermutter
7:55
Der Russe lacht nicht
10:25
Der siebte Tibeter
4:29
Der Sinn des Eisfisches
7:40
Der Traumfänger
7:40
Dicke Sterne
13:36
Die Cottbuser Zukunft
6:51
Die Gender-Theorie und ihre Präsenz im Alltag
14:22
Die Helden des vorigen Jahrhunderts
7:48
Die Karottendiät
6:02
Die Läuse der Freiheit
5:56
Die Sprachkompetenz
5:04
Die Syrer packen aus
6:11
Die Telebrücke
5:42
Die Wassermelonenzeit
5:32
Döndü
4:03
Echte Russen
5:48
Ein Haus am See
9:01
Eintausend Chinesen
6:25
Epilog
2:37
Europas besserer Teil
21:01
Gagarin
4:34
Geologen
8:30
Gespräche über die Ewigkeit
4:10
Hölderlin und Hoffmann
9:15
Ich bin kein Berliner
8:06
Kafka, Konsalik und ich
4:32
Karl Friedrich
5:30
Kleine Schnecke
8:14
Kottbusser Lamm
8:23
Krim
11:37
LaGeSo
6:14
Lass uns Rennen, lass uns Reiten
14:00
Meine Frau und der Marder
9:00
Menschenrechte
3:39
Nachwort
2:36
Neue Heimat
9:35
Pheromone
4:33
Projektwoche Flüchtlingshilfe
7:12
Quittenschnaps Weikersheim
8:31
Schlechte Vorbilder
6:34
Schöne Frau, alles gut
7:22
Schröders Ruh
6:53
Schwiegermutter
4:55
Syrer in der Traumfabrik
13:58
Tolstois Bart
5:08
Tschechows Schuhe
9:29
Unbekannte fliegende Objekte
5:27
Unerwarteter Besuch
8:17
Väter und Söhne
8:36
Vegetarier an der Bushaltestelle
10:29
Verfehltes Paris
9:36
Weinanbau im Nordkaukasus
4:36
Wettbewerb
7:11